Interviews

Hier bei Schwanger.at stehen wir laufend im Dialog mit Menschen in und rund um Kinderwunsch, Schwangerschaft und Baby. In unseren Interviews geben sie ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiter und lassen uns einen Blick in ihre Arbeit werfen.

Hebammenarbeit in Zeiten der Pandemie – Ein Gespräch mit Gerlinde Feichtlbauer vom ÖHG

Der Coronavirus und die damit einhergehenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie begleiten uns nun schon über ein Jahr. Ein guter Zeitpunkt für eine vorläufige Zwischenbilanz. Wir haben mit der neuen Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums (ÖHG) Gerlinde Feichtlbauer über die aktuellen Herausforderungen für Schwangere, Familien und Hebammen gesprochen.

Hebammenvertretung & Gesundheitspolitik

Die gebürtige Oberösterreicherin Gerlinde Feichtlbauer ist leitende Hebamme im Krankenhaus der Barmherzigen Schwerstern in Ried im Innkreis und seit vielen Jahren im Österreichischen Hebammengremium aktiv. Seit Dezember 2020 steht sie dem Gremium als Präsidentin vor. Ihre Motivation erklärt sie so: „Ich persönlich finde es sehr befriedigend, dass Standespolitik für Hebammen immer auch gesundheitspolitische Arbeit für Frauen ist. Wir sind ein medizinischer Beruf, aber wir haben es nicht mit Krankheit zu tun, sondern wir begleiten gesunde Frauen in einem besonderen Abschnitt ihres Lebens. Und wir wollen die Frauen in ihrem Vertrauen auf den eigenen Körper stärken. Sie sollen diesen besonderen Lebensabschnitt voll erleben können, sich freuen dürfen und sich nicht wegen aller möglichen Risiken verunsichern lassen.“

Im Gespräch mit schwanger.at erzählt sie, wie man seitens der Hebammen auf die coronabedingten Veränderungen in der Geburtsbegleitung reagiert hat, welche Rolle die frei praktizierenden Hebammen dabei spielen und warum Telemedizin sowie digitale Angebote immer wichtiger werden.

Die Corona Pandemie ist für viele Menschen eine große Herausforderung. Wie geht es denn jenen Frauen, die jetzt schwanger sind, die sich auf die Geburt vorbereiten? Machen sie sich große Sorgen wegen Corona?

Feichtlbauer: Die Frage ist nicht ganz einfach zu beantworten, da jede Frau ihre eigene Persönlichkeit hat und mit Situationen sehr unterschiedlich umgeht. Natürlich haben viele Frauen Ängste und sind wegen dieser völlig neuen Situation, der wir uns seit einem Jahr gegenübersehen, unsicher. Manche machen sich mehr Sorgen als andere, aber wir Hebammen leisten in unserer Profession Beistand, unterstützen die Frauen und Familien. Viele Frauen haben Angst, die Geburt allein bewältigen zu müssen, aber das wird sicher nicht der Fall sein – auch unter den aktuellen ungewöhnlichen Umständen nicht.

Welche Regeln gibt es derzeit im Kreißsaal? Darf der Partner oder eine Begleitperson bei der Geburt anwesend sein? 

Feichtlbauer: Ich habe mich dazu mit Kolleginnen aus allen Bundesländern ausgetauscht. Seit April 2020 ist es überall gestattet, dass eine Begleitperson mit ins Kreißzimmer kommen darf. In jedem Krankenhaus gibt es eigene Teststrategien, um die Ansteckungsgefahr auch bei einer sehr körpernahen und intensiven Betreuung sehr gering zu halten. Während der Geburt kann die Begleitperson bis zur Verlegung auf die Wochenbettstation als Unterstützung anwesend sein. Auf der Wochenbettstation gilt derzeit üblicherweise die Besucherregelung der jeweiligen Geburtsklinik.

Darüber hinaus gibt es die Möglichkeit einer ambulanten Geburt (bei gewährleisteter Nachbetreuung einer Hebamme) oder einer vorzeitigen Entlassung aus dem Krankenhaus. So kann der Partner die ersten Tage des Neugeborenen miterleben.

Kommen wir zu einem weiteren viel diskutierten Thema: Müssen Frauen mit Wehen Mund-Nasen-Schutz tragen? Und alle anderen im Kreißsaal auch?

Feichtlbauer: Frauen unter der Geburt sind von der Maskenpflicht befreit, sofern sie als Corona-negativ gelten und keine Symptome haben. Außerhalb des Kreißzimmers, bei Vor-Untersuchungen oder dann auf der Wochenbettstation gelten die gängigen Regeln für die Maskenpflicht. Also wenn Personal ins Zimmer kommt und Pflege betreibt oder am Gang und in den Untersuchungsräumen gilt Maskenpflicht. Das Personal trägt die ganze Zeit eine FFP2 Maske, um die Familien, aber auch Kolleginnen und Kollegen zu schützen. Die Begleitperson der Gebärenden ist ebenfalls angewiesen, die Maske durchgehend zu tragen.

Wie kommen Schwangere und Gebärende damit zurecht? 

Feichtlbauer: Mittlerweile gehört die Maske zu unserem Alltag dazu. Für die kurzen Zeitintervalle bei pflegerischen Tätigkeiten und auf den Gängen ist sie für die Mütter sehr gut verträglich. Da es ja auch die Möglichkeit der ambulanten Geburt gibt, können alle Frauen innerhalb von ein paar Stunden nach der Geburt das Krankenhaus verlassen. Bei der Betreuung zu Hause, mit der zuvor organisierten Hebamme, gelten dieselben Schutzmaßnahmen wie auch im Krankenhaus.

Wie funktioniert die Betreuung bei Schwangeren bzw. Wöchnerinnen, die am Coronavirus erkrankt und in Quarantäne sind?

Feichtlbauer: Jede Klinik legt ihr eigenes Management fest. Teilweise wurden spezielle Covid-Kreißzimmer errichtet, eigene Räume umgestaltet oder spezielle Hygienevorkehrungen getroffen. Ein positiver Covid-Test ist kein Grund für einen Kaiserschnitt, aber es muss das betroffene Personal informiert sein, denn es kann trotzdem jederzeit nötig sein. Das Personal ist in jedem Fall mit einer speziellen Schutzausrüstung ausgestattet.

Wie sind das Wochenbett und die ersten Monate für die Frauen und ihre Babys unter Corona-Umständen? Was ist anders als sonst? Was ist gleich? 

Feichtlbauer: Interessanterweise höre ich in der Nachbetreuung immer wieder, dass sich die Familien an der Corona-Situation gerade überhaupt nicht stören. Sie haben ihre Ruhe zu Hause und können sich gut als Familie einleben. Gerade mit einem Neugeborenen sollte man durchaus zu Hause bleiben und große Menschenansammlungen meiden. Man kann dem sogar eine positive Seite abgewinnen: Da viele Menschen gerade im Home-Office tätig sind, bekommt der Papa-Monat eine neue Dimension. Der Partner ist näher an der Familie, näher am Neugeborenen und kann die Mutter direkt unterstützen, wenn Hilfe benötigt wird. Zudem entstehen neue Möglichkeiten: Die Unterbrechungen durch Besuche fallen weg, die Familie kann sich im Wochenbett ungestört und in ihrem Tempo kennenlernen.  Frisch gebackene Mütter bekommen Zeit, sich in ihre neue Rolle einzugewöhnen und die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen. Eine positive Entwicklung sehen wir auch bei der Stillrate und dem Stillerfolg. 

Wenden wir uns der Hebammenarbeit zu - Wie arbeiten Hebammen derzeit, was hat sich verändert?

Feichtlbauer: Natürlich geht die gesamte Corona Situation auch an den Hebammen nicht spurlos vorbei. Hebammen sind systemerhaltend und daher auch jetzt genauso wie zuvor im Einsatz. Der ambulante und beratende Bereich hat sich ausgeweitet. Es gibt die Möglichkeit, Hebammen-Beratungen telemedizinisch durchzuführen und über die Sozialversicherung abzurechnen. Dies war eine neue Herausforderung, ist aber mittlerweile gut etabliert. Im ambulanten Bereich bzw. mit vorzeitigen Entlassungen ist sicher mehr Bedarf als zuvor. Durch die früheren Entlassungen und die damit verbundenen fehlenden Informationen aus dem Krankenhaus und in der Schwangerschaft, gibt es viel mehr offene Fragen in der Nachbetreuung. Die einzelnen Hausbesuche erfordern mehr Zeit und Beratungsaufwand.

Genauso wie viele andere Menschen gehen auch Hebammen in der aktuellen Zeit an ihre Belastungsgrenzen. Die eigene Familie muss organisiert werden und Betreuungspläne für die eigenen Kinder müssen neu überdacht werden. Darüber hinaus gibt es viele Fragen von besorgten Familien, die zusätzlich zu den Hausbesuchen abgedeckt werden. Eine weitere Herausforderung ist die Beschaffung der nötigen Schutzausrüstung.

Viele Berufsgruppen berichten davon, dass die Corona Pandemie einen gewaltigen Digitalisierungsschub ausgelöst hat. Hebammen haben rasch reagiert mit Online-Geburtsvorbereitungskursen und Hebammen-Visiten, die als telemedizinische Leistungen erbracht werden. Was davon bleibt uns nach Corona erhalten?

Feichtlbauer: Ich glaube, die digitale Durchführung von Beratungen, Kursen und Terminen ist zurzeit aus der Hebammenarbeit nicht mehr wegzudenken. Da viele Aspekte des Arbeitsspektrums nicht in Präsenz durchführbar sind, muss man eben andere Kanäle nutzen.

Hebammen bieten Beratungen, Geburtsvorbereitungskurse und Schwangerschaftsgymnastik bis hin zu Rückbildungskursen, sofern möglich, digital an. Sobald sich die Situation wieder entspannt hat, muss jede Hebamme selbst die Vor- und Nachteile von telemedizinischer Arbeit reflektieren und entscheiden, ob oder wie viel davon weiter angeboten werden soll.

Klassische Visiten und körperliche Kontrollen werden ja auch jetzt in Pandemiezeiten normal durchgeführt. Der persönliche Kontakt ist wichtig und schafft Vertrauen. Jede Hebamme und jede Familie wird für die Zukunft ihre Art der Betreuung finden.

Stichwort frei praktizierende Hebammen / Kassenhebammen: Der Hebammenmangel in manchen Regionen Österreichs war schon vor Corona ein Thema. Hat die Pandemie die Situation noch verschärft? Wann in der Schwangerschaft sollten sich Frauen um eine Hebamme kümmern? 

Feichtlbauer: Das kommt natürlich auf die individuelle Situation an, aber der Stellenplan für Kassenverträge ist sicher noch schwieriger geworden. Wenn Stationen wegen Covid-19 gesperrt werden müssen oder aufgrund von Quarantäne-Maßnahmen ein Teil des Personals ausfällt, ist dies eine Belastungsprobe für das restliche Team. Auch in der Freipraxis müssen immer wieder Hebammen in Quarantäne oder erkranken selbst am Virus. Dann müssen auch hier Kolleginnen vertreten, die Betreuung der Frauen und Kinder übernehmen und für die ausgefallene Arbeitskraft kompensieren. Wir freuen uns aber sehr, dass die Hebammen hier so gut zusammenhalten und sich gegenseitig unterstützen.

Wie finden Schwangere eine passende freiberufliche Hebamme?

Feichtlbauer: Die stets aktuelle Liste von freipraktizierenden Hebammen kann mit der Hebammen-Suchfunktion auf www.hebammen.at gefunden werden. Außerdem gibt es in Österreich eine Elternbroschüre des Österreichischen Hebammengremiums, die viele Frauen von ihrer/m Gynäkolog*in erhalten. In dieser findet sich eine Auflistung aller Hebammen und ihrer angebotenen Leistungen (von der kompletten Betreuung in der Schwangerschaft bis hin zur Geburt und der Nachsorge, bis das Baby 8 Wochen alt ist und teilweise auch darüber hinaus.) 

 

Das Österreichische Hebammengremium ist eine öffentlich-rechtliche Körperschaft und vertritt die beruflichen Interessen der Hebammen. Es gilt Pflichtmitgliedschaft für alle rund 2.500 in Österreich arbeitenden Hebammen. Hebammen arbeiten freiberuflich und/oder in einem Krankenhaus mit geburtshilflicher Abteilung, im Geburtshaus, in der Hebammenpraxis oder als Familienhebammen in Mutter-Eltern-Beratungen. Aktuell sind 599 Hebammen in Krankenhäusern angestellt, 530 Hebammen arbeiten in der freien Praxis und die restlichen 1.403 Hebammen arbeiten zusätzlich zur Anstellung im Krankenhaus auch frei praktizierend.

Online Hebammensuche: Das ÖHG versteht sich auch als Verbindungsstelle zwischen Hebammen und (werdenden) Müttern. Mit der Hebammensuche auf der Webseite des ÖHG – www.hebammen.at - finden Frauen ihre frei praktizierende Hebamme für die Betreuung in der Schwangerschaft, während der Geburt, im Wochenbett und darüber hinaus.

Aktuelle Corona-Informationen für Schwangere und Eltern von Neugeborenen und Corona-FAQ auf www.hebammen.at

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