Interviews

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Hilfe aus der Nabelschnur: Zum Status Quo der Stammzellenforschung mit Dr. med. Michael Feuchtmüller

Stammzellen aus Nabelschnurblut können zur Heilung von bestimmten Krankheiten wie einer Fehlfunktion des Stoffwechsels, Leukämie oder einer Blutkrankheit eingesetzt werden. Aus diesem Grund erwägen viele Eltern die für Mutter und Kind schmerzlose Entnahme direkt nach der Geburt. Dabei werden die Stammzellen aus dem Blut der Nabelschnur extrahiert und entsprechend für den Transport und die dauerhafte Lagerung aufbereitet. Sie bilden so ein mögliches "Depot" auf das die Medizin in gesundheitlich kritischen Situationen des Kindes zurückgreifen kann. Wir haben mit Dr. med. Michael Feuchtmüller, Medical Advisor von Vita 34, über den aktuellen Forschungsstand, den Nutzen einer Stammzelleneinlagerung und den Ablauf der Stammzellenentnahme gesprochen.

Stammzellen
Dr. med. Michael Feuchtmüller, Medical Advisor von Vita 34

BabyForum.at: Lieber Herr Dr. Feuchtmüller, vielen Dank, dass Sie sich Zeit nehmen, um uns ein paar Fragen zu beantworten. Erzählen Sie uns etwas über Ihren Aufgabenbereich - Sie sind in Österreich Medical Advisor bei VITA34, der ersten privaten Stammzellenbank in Europa. Welche Aufgaben haben Sie im Unternehmen?

Dr. Feuchtmüller: Vita 34 unterliegt als Nabelschnurblutbank vielen Gesetzen (Gewebesicherheitsgesetz, Arzneimittelgesetz, …), damit wir die Stammzellentnahme durchführen dürfen, gilt es die Vorgaben, die streng von der Gesundheitsbehörde AGES kontrolliert werden, umzusetzen. Dazu zählen Rahmenvereinbarungen mit den Geburtskliniken, Auditierungen, Schulungen des medizinischen Personals (Hebammen und Gynäkologen). Eine Übersicht der Kliniken, an denen die Entnahme von Nabelschnurblut und Nabelschnurgewebe möglich ist, finden Sie hier. In meinen Aufgabenbereich gehören auch die Inspektionen der AGES bzw. die FACT-Akkreditierung. Wir sind stolz dieses von den international anerkannten Organisationen „International NetCord Foundation“ (NetCord) sowie der „Foundation for the Accreditation of Cellular Therapy“ (FACT) ausgestellte Zertifikat, welches bestätigt, dass Vita 34 in ihrer Tätigkeit als Stammzellbank höchste Qualitätsstandards erfüllt, erhalten zu haben. Auch stehe ich in Fachvorträgen, Elterngesprächen gerne den Gynäkologen, Hebammen aber vor allem auch den werdenden Eltern mit Rat und Tat zur Seite.

BabyForum.at: Eltern haben die Möglichkeit, Stammzellen aus dem Nabelschnurblut ihres Babys bei VITA34 einlagern zulassen. Worin liegen die Vorteile und warum sollte man das aus Ihrer Sicht machen?

Dr. Feuchtmüller: Stammzellen aus der Nabelschnur sind aus drei Gründen interessant für die Medizin.

  1. Stammzellen aus der Nabelschnur sind sehr jung, vital und meist vollkommen unbelastet von jeder Art von Umwelteinflüssen. Das mag erst einmal trivial klingen, aber man sollte eines bedenken: die Stammzellen in unserem Körper altern mit uns. Mit zunehmendem Alter besitzen wir weniger Stammzellen und diese sind auch noch weniger aktiv. Das bedeutet, dass sich immer weniger Stammzellen immer seltener teilen, um beschädigte Zellen zu ersetzen. Stammzellen mit einem gewissen fortgeschrittenen Alter haben dann möglicherweise ein geringeres Heilungspotential. Das ist beispielsweise auch ein Grund, warum Knochenmarkspender, die älter als 55 Jahre sind, sich nicht mehr registrieren lassen können. Stammzellen aus der Nabelschnur stellen, biologisch gesehen, das jüngste Stammzellmaterial eines Menschen dar.

  2. Stammzellen aus der Nabelschnur können kryokonserviert werden. Das bedeutet, dass nach der Geburt des Kindes das Restblut aus der Nabelschnur und die Nabelschnur selbst bei ca. -180°C in einen Kälteschlaf versetzt werden. Auf diese Weise bleiben die darin enthaltenden Stammzellen mit ihren besonderen Eigenschaften über lange Jahre hinweg erhalten.

  3. Stammzellen aus der Nabelschnur sind körpereigen. Das bedeutet, dass der Körper sie im Falle einer Transplantation nicht abstößt. Das ist medizinisch sehr wichtig. Transplantationen von körperfremden Stammzellen führen oft zur Transplantat-gegen-Wirt-Reaktion (engl. graft-versus-host disease). Dabei greift das Immunsystem die körperfremden Zellen an. Eine Abstoßung wird dann nur verhindert, wenn der Patient Medikamente nimmt, die das Immunsystem unterdrücken – ein Leben lang.

BabyForum.at: Können Sie uns konkrete Beispiele für den späteren Einsatz von eingelagerten Stammzellen nennen? Wem ist das Verfahren besonders zu empfehlen?

Dr. Feuchtmüller: Körpereigenes Nabelschnurblut mit den enthaltenen Stammzellen wird zur Behandlung verschiedenster Erkrankungen wie Blutbildungsstörungen, Krebserkrankungen, Erkrankungen des Immunsystems, Stoffwechselstörungen oder neurologische Erkrankungen verwendet. Über die Verwendung von Nabelschnurblut zur Behandlung einer Erkrankung entscheidet nach dem Arzneimittelgesetz der behandelnde Arzt.

Das eigene Nabelschnurblut kann auch für nahe Verwandte wie Geschwister oder Eltern verwendet werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass das Nabelschnurblut für die Eltern geeignet ist, liegt jedoch bei nur etwa einem Prozent. Deutlich besser sind die Chancen, ein Geschwisterkind mit dem Nabelschnurblut zu behandeln. Hier besteht eine 25 prozentige Wahrscheinlichkeit, dass das Nabelschnurblut zur Spende geeignet ist.

BabyForum.at: Die Stammzellenforschung gilt nach wie vor als junge Disziplin, die sich stetig weiterentwickelt und mit neuen Erkenntnissen aufwartet. Auch eine Stammzellengewinnung aus dem Nabelschnurgewebe ist möglich. Können Sie uns etwas zum Stand der Wissenschaft sagen bzw. welche Durchbrüche in den kommenden Jahren zu erwarten sind?

Dr. Feuchtmüller: Die Wirkmechanismen von Stammzellen und speziell von Stammzellen aus dem Nabelschnurblut werden bereits seit 1978 untersucht. Stammzellen aus dem Nabelschnurgewebe, sogenannte mesenchymale Stammzellen, oder MSCs, sind im Vergleich zu Stammzellen aus dem Nabelschnurblut ein eher jüngeres Forschungsfeld. Der Fokus denkbarer Anwendungen von Nabelschnur-MSCs liegt klar im Bereich der regenerativen Medizin. Verschiedene wissenschaftliche Gruppen untersuchen hier beispielsweise die Eignung dieser Zellen zur Erneuerung von Knorpel-, Knochen- oder Hautgewebe.

Es gibt zusätzlich erste Erkenntnisse aus klinischen Studien. Durch Transplantation von Nabelschnur-MSCs verbesserte sich beispielsweise die Herzfunktion von Patienten mit Herzschwäche. In Patientinnen, die an Verwachsungen der Gebärmutter litten, trugen implantierte Nabelschnur-MSCs nach einer Operation zur Regeneration der Gebärmutterschleimhaut bei.

Aktuell laufende Studien untersuchen zusätzlich die Anwendung von Nabelschnur-MSCs zur Behandlung von Lupus, Kniegelenk-Arthrose, metabolischem Syndrom, akutem Atemnotsyndrom oder Lähmung durch frühkindliche Hirnschädigung. In einigen dieser Studien geht es dabei nicht mehr nur um die Machbarkeit, sondern längst um die Untersuchung von Wirksamkeit und Unbedenklichkeit konkreter Therapieansätze. In den nächsten Jahren wird man hier interessante Ergebnisse erwarten dürfen. Es bleibt also ein spannendes Feld.

BabyForum.at: Gibt es breit angelegte Studien, die die Wirksamkeit der Verfahren belegen?

Dr. Feuchtmüller: Ja, es gibt laufend neue Studien zu unterschiedlichsten Anwendungsmöglichkeiten: von Schäden, die bei Komplikationen bei der Geburt entstehen, bis zu Anwendungen im hohen Alter, wie zum Beispiel bei Alzheimer. Von A wie Autismus bis Z wie Zerebralparese reichen die aktuellen Studien. Bei breiten Volkskrankheiten wie Diabetes wird die Kraft der Stammzellen genauso untersucht wie bei seltenen Erkrankungen. Die Stammzelltherapie ist eines der zentralen Forschungsfelder der Medizin von Morgen und darum macht es schon heute Sinn für diese Zukunft den Schatz aus der Nabelschnur zu sichern.

BabyForum.at: Wenn sich Eltern für die Entnahme des Verfahrens entscheiden – wie ist der genaue Ablauf? Was sollten Eltern wissen?

Dr. Feuchtmüller:

  1. Informieren Sie sich auf unserer Webseite, beim Kundenservice oder mit unserem Ratgeber. Gerne können Sie uns auch auf einem unserer Elterngesprächsabende persönlich treffen, die wir regelmäßig in ganz Österreich anbieten.

  2. Sobald wir den Auftrag und weitere medizinische Unterlagen ausgefüllt von Ihnen haben, erhalten Sie das Entnahme-Paket.

  3. Nehmen Sie das Entnahme-Paket zur Geburt mit ins Krankenhaus. Nach der Abnabelung werden das Nabelschnurblut und das Nabelschnurgewebe fachgerecht entnommen und zu Vita 34 transportiert. Die Abnahme ist ohne Risiko für Mutter und Kind, auch beeinflusst es den normalen Geburtsvorgang nicht.

  4. In unserem Reinraumlabor in Leipzig werden die Stammzellen untersucht, fachgerecht aufbereitet und eingefroren. Ab jetzt stehen Ihnen die wichtigen Stammzellen für Therapien zur Verfügung.

BabyForum.at: Wohin geht die Entwicklung – Werden die Kosten für die Stammzellenentnahme, die derzeit ja eine Privatleistung ist, in naher Zukunft auch von der Krankenkasse übernommen?

Dr. Feuchtmüller: Erste private Krankenkassen in Deutschland übernehmen anteilig die Kosten der Einlagerung – in Österreich sind wir noch am Verhandeln.

BabyForum.at: Wir danken Herrn Dr. Feuchtmüller für das interessante Gespräch!

Die wichtigsten Fakten im Überblick

  • Restblut aus der Nabelschnur sowie die Nabelschnur selbst können bei -180°C konserviert werden. Durch dieses spezielle Kryokonservierungsverfahren bleiben die im Blut enthaltenen Stammzellen über Jahre hinweg erhalten.
  • Die Einlagerung des gewonnenen biologischen Materials wird von Stammzellenbanken, die gewerblich betrieben werden, gegen Entgelt übernommen.
  • Stammzellen kommen im Zuge medizinischer Therapieverfahren zum Einsatz, z.B. bei der Behandlung von Krebserkrankungen, Stoffwechselstörungen, neurologischen Erkrankungen und Störungen des Immunsystems.
  • Eltern nehmen zur Geburt ein Entnahme-Paket mit, die Entnahme findet direkt nach der Abnabelung statt. Die Gewinnung von Stammzellen aus dem Nabelschnurblut ist nur im Krankenhaus möglich.
  • Die Kosten für die Entnahme und die Einlagerung von Stammzellen aus Nabelschnurblut müssen von den Eltern übernommen werden.

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