Plötzlicher Kindstod

· 7 Min. Lesezeit

Das erste Lebensjahr markiert eine aufregende und spannende Zeit für jede frisch gebackene Familie. Nach einer beidseitigen Gewöhnungsphase gehen tägliche Abläufe schon leicht von der Hand, ein gemeinsamer Rhythmus ist schnell gefunden. In Ausnahmefällen wird dieser jedoch auf schreckliche Art und Weise unterbrochen.

Säuglinge, die einen plötzlichen Kindstod erleiden, sterben unerwartet und meist ohne vorangegangene Symptome

Was ist SIDS?

Im medizinischen Sinne spricht man dann von einem SIDS (Sudden Infant Death Syndrome), wenn ein Säugling im Schlaf verstirbt, jedoch keine klar erkennbaren äußeren oder inneren Auslöser für den Tod festgestellt werden können. Der plötzliche Kindstod ist also keine Krankheit, sondern vielmehr ein Überbegriff für Todesfälle im Säuglingsalter, denen auch nach der Obduktion keine eindeutige Ursache zugeordnet werden kann.

Stirbt ein an sich gesundes Baby im Schlaf, ist dies für Eltern und Geschwisterkinder eine dramatische Grenzerfahrung. Es gilt nicht nur, den Tod des eigenen Kindes zu überwinden, sondern auch die Situation in der das Baby im Gitterbett oder Tragetuch tot aufgewunden wurde, zu verarbeiten.

In solchen Fällen ist engmaschige Hilfeleistung von außen gefragt: Verwandte und Freunde, als auch PsychologInnen und Kriseninterventionsteams bieten in dieser schweren Zeit Rückhalt und Trost.

Statistische Daten zum plötzlichen Kindstod

Der plötzliche Kindstod ist heute in Österreich zum Glück mittlerweile sehr selten. Die Zahl der Fälle ist seit den 1980er-Jahren deutlich zurückgegangen: Während 1987 noch 141 Säuglinge an SIDS starben, wurden laut Statistik Austria im Jahr 2022 acht Todesfälle registriert - vier Mädchen und vier Buben.¹ Bei 82.627 Lebendgeburten im selben Jahr entspricht das ungefähr einem SIDS-Fall pro 10.000 Lebendgeburten.²

Der Rückgang wird vor allem mit der besseren Aufklärung über eine sichere Schlafumgebung in Verbindung gebracht. Dazu zählen insbesondere die Rückenlage, eine feste und freie Schlafunterlage sowie der Verzicht auf Rauchen in der Schwangerschaft und in der Umgebung des Babys.³

Trotz der niedrigen Fallzahlen bleibt SIDS für betroffene Familien ein besonders belastendes Ereignis, weil der Tod plötzlich eintritt und auch nach eingehender Untersuchung keine eindeutige Ursache festgestellt werden kann.

Das Risiko ist nicht während des gesamten ersten Lebensjahres gleich hoch. Die meisten Fälle treten in den ersten sechs Lebensmonaten auf, besonders häufig zwischen dem ersten und vierten Lebensmonat. Mit zunehmendem Alter nimmt das Risiko deutlich ab. Jungen sind statistisch etwas häufiger betroffen als Mädchen.³

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Was sagt die Wissenschaft?

Eine eindeutige Ursache für den plötzlichen Kindstod ist bislang nicht bekannt. Als mögliches Erklärungsmodell gilt das Zusammenspiel einer empfindlichen Entwicklungsphase, einer möglicherweise angeborenen körperlichen Anfälligkeit und zusätzlicher äußerer Belastungen.⁴

2022 sorgte eine australische Studie für Aufmerksamkeit. Bei einigen später an SIDS verstorbenen Kindern wurde eine niedrigere Aktivität des Enzyms Butyrylcholinesterase, kurz BChE, festgestellt. Die Ergebnisse könnten auf eine angeborene Verletzlichkeit bestimmter Babys hinweisen.⁵

Als bewiesene Ursache oder verlässlicher Früherkennungstest gelten die Ergebnisse jedoch nicht: Die Zahl der untersuchten Fälle war klein. Auch weitere Untersuchungen konnten bislang keinen eindeutigen allgemeinen Zusammenhang bestätigen.⁶

Risikofaktoren für den plötzlichen Kindstod

Bestimmte Faktoren können das Risiko für einen plötzlichen Kindstod erhöhen. Sie sind jedoch nicht mit einer direkten Ursache gleichzusetzen und führen nicht zwangsläufig dazu, dass ein Baby an SIDS verstirbt.

Zu den nicht oder nur teilweise beeinflussbaren Risikofaktoren zählen:

  • eine Frühgeburt oder ein niedriges Geburtsgewicht
  • das männliche Geschlecht
  • eine mögliche angeborene körperliche Anfälligkeit
  • SIDS-Fälle in der näheren Familie

Weitere Risikofaktoren rund um Schwangerschaft oder Schlafumgebung:

  • Rauchen sowie Alkohol- oder Drogenkonsum während der Schwangerschaft
  • Tabakrauch in der Umgebung des Babys
  • Schlafen in Bauch- oder Seitenlage
  • eine weiche, nicht freie oder ungeeignete Schlafunterlage
  • Überwärmung und das Bedecken des Kopfes

Nicht jede auffällige Atmung oder kurze Atempause weist auf ein erhöhtes SIDS-Risiko hin. Auch ein früher als ALTE bezeichneter und heute meist als BRUE eingeordneter Vorfall bedeutet nicht automatisch, dass ein Baby besonders SIDS-gefährdet ist.

Eine ärztlich verordnete Überwachung von Atmung und Herzschlag kann bei bestimmten Erkrankungen oder medizinischen Auffälligkeiten sinnvoll sein. Heimmonitore und handelsübliche Geräte zur Kontrolle der Vitalfunktionen verhindern den plötzlichen Kindstod jedoch nach bisherigem Wissensstand nicht und ersetzen keine sichere Schlafumgebung.

Prävention

Das Eintreten des plötzlichen Kindstodes ist bedauerlicherweise durch nichts und niemanden zu verhindern. Aus diesem Grund ist dieses Syndrom für viele werdende und frischgebackene Eltern auch so schwer zu begreifen. Einige  fühlen sich ohnmächtig oder verhalten sich übervorsichtig, während es bei anderen noch an Aufklärungsarbeit fehlt.

Auch wenn der plötzliche Kindstod MedizinerInnen nach wie vor Rätsel aufgibt, stehen mögliche Auslöser und demnach auch Maßnahmen fest, die Eltern treffen können, um das SIDS-Risiko beim eigenen Baby zu senken.

Richtiges Schlafen

Lange wurde von Hebammen und ÄrztInnen die Bauchlage als ideale Schlafposition für den Säugling propagiert. Mittlerweile haben sich die Empfehlungen jedoch drastisch geändert, da das Schlafen auf dem Bauch das Risiko für einen plötzlichen Kindstod nachweisbar erhöht. Von der Seitenlage ist ebenfalls abzuraten, da sich die Kinder ab einem gewissen Lebensmonat aus dieser Position von selbst schnell auf den Bauch drehen können. Ein Baby sollte daher ausschließlich in Rückenlage liegend schlafen. Ebenso positiv wirkt sich die Verwendung eines Schnullers beim Einschlafen aus.

Rückenlage

Liegend schlafen. Ebenso positiv wirkt sich die Verwendung eines Schnullers beim Einschlafen aus.

Kinderbett reduziert ausstatten

Keine Stofftiere, Kuscheltücher oder Stoffwindeln, die sich das Kind über den Kopf ziehen kann.

  • Für das Baby benötigt man weder einen Kopfpolster noch dicke, extra-Decken.
  • Die Schlafunterlage sollte stets fest und flach sein.
  • Zum Zudecken eignet sich ein spezieller Schlafsack für Babys oder eine dünne Decke.

Raumklima - Körpertemperatur

Säuglinge benötigen im Normalfall weder dicke Wolldecken noch besonders warme Kleidung. Der Raum, in dem das Baby schläft, idealerweise steht das Gitterbett im Schlafzimmer der Eltern, sollte gut gelüftet und moderat temperiert sein (18-20 Grad Raumtemperatur). Die Verwendung einer Schlafhaube ist auch nicht nötig – im Gegenteil. Über den Kopf wird überschüssige Körperwärme reguliert also nach außen geleitet.

Rauchverbot

Raucht die Mutter während der Schwangerschaft und/oder nimmt der Säugling passiv Nikotin auf, erhöht dies das Risiko für das Auftreten von SIDS erheblich. Als besonders gefährdend gelten in diesem Zusammenhang die erhöhte Konzentration von Kohlenmonoxid und Cotinin im Organismus des Babys. Dadurch können Atemstillstände und verzögerte Aufwachreflexe hervorgerufen werden.

Stillen

Wissenschaftlich noch nicht hinlänglich bewiesen, wird dennoch vermutet, dass Stillen sowie körperliche Nähe und Aufmerksamkeit risikominimierend auf das Syndrom des plötzlichen Kindstodes wirken. Säuglinge, die massive Entbehrungen in Bezug auf elterliche Zuwendung erleben müssen, erleiden häufiger einen plötzlichen Kindstod als andere Babys.

Trauer und Verarbeitung

Ist eine Familie vom plötzlichen Kindstod betroffen, stellt dies einen traumatischen Einschnitt im Leben aller Beteiligten dar. Eltern und Geschwisterkinder verarbeiten auf unterschiedlichste Art und Weise und in ungleichem Tempo. Selbsthilfegruppen, Sitzungen bei TherapeutInnen, Gespräche mit Verwandten/Freunden oder die Elterninitiative „SIDS Austria“ helfen in der Trauerphase sowie bei der Aufarbeitung.

 

¹ Statistik Austria: Jahrbuch der Gesundheitsstatistik 2022. Angaben zur Todesursachenstatistik, ICD-10-Code R95 „Plötzlicher Kindstod“.
² Statistik Austria: Jahrbuch der Gesundheitsstatistik 2022. Statistik der natürlichen Bevölkerungsbewegung. Im Jahr 2022 wurden in Österreich insgesamt 82.627 Lebendgeborene erfasst.
³ Moon, Rachel Y. et al.: „Evidence Base for 2022 Updated Recommendations for a Safe Infant Sleeping Environment to Reduce the Risk of Sleep-Related Infant Deaths“. In: Pediatrics, 2022, 150(1), e2022057991. DOI: 10.1542/peds.2022-057991.
⁴ Moon, Rachel Y. et al.: „Evidence Base for 2022 Updated Recommendations for a Safe Infant Sleeping Environment to Reduce the Risk of Sleep-Related Infant Deaths“. In: Pediatrics, 2022, 150(1), e2022057991. DOI: 10.1542/peds.2022-057991.
⁵ Harrington, Carmel T. et al.: „Butyrylcholinesterase is a potential biomarker for Sudden Infant Death Syndrome“. In: eBioMedicine, 2022, Band 80, Artikel 104041. DOI: 10.1016/j.ebiom.2022.104041.
⁶ Pötsch, Lucia et al.: „Genetic Association Study of Acetylcholinesterase (ACHE) and Butyrylcholinesterase (BCHE) Variants in Sudden Infant Death Syndrome (SIDS)“. In: Genes, 2024, 15(12), 1656. DOI: 10.3390/genes15121656.

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag liefert ausschließlich allgemeine Informationen und ersetzt keinesfalls den fachkundigen Rat eines Arztes, einer Hebamme oder anderen dafür qualifizierten Experten (Stillberaterinnen, Therapeuten etc.)

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