Windelfrei von Anfang an - Sinnvoll oder übertrieben?

Wenn Babys ihr kleines oder großes Geschäft verrichten, dann geht das im Grunde genommen recht einfach. Sie entleeren sich in ihre Windel, die wird alsbald von Mama oder Papa gewechselt und schon ist die Angelegenheit erledigt. Babys und Windeln gehören einfach zusammen. Dass das so jedoch nicht stimmen muss und selbst Neugeborene keine Windel benötigen, davon sind Anhänger der windelfreien Erziehung überzeugt.

Es ist ein Trend, der in den USA entstanden ist, und mittlerweile auch im europäischen Raum zahlreiche Eltern begeistert. Das zugrunde liegende Prinzip ist ebenfalls simpel und besteht darin, auf Windeln jeglicher Art (Wegwerfwindeln, Stoffwindeln) zu verzichten. Ihr Geschäft müssen „windelfreie“ Babys natürlich trotzdem erledigen und das vor allem in den ersten Wochen mehrmals am Tag sowie in der Nacht. In diesem Fall machen es die Kinder dann wie die Erwachsenen, sie „setzen“ sich auf ein geeignetes Gefäß und lassen der Natur ihren Lauf. Klarerweise können Babys das noch nicht allein bewältigen. An diesem Punkt kommen die Eltern ins Spiel. Sie interpretieren die Zeichen, die ihre Babys geben, und setzen sie anschließend auf einen kleinen Topf oder halten sie über das Waschbecken. Sobald alles erledigt ist, wird das Baby wieder angezogen, getragen und gestillt. Eben so lange bis es das nächste Mal „muss“.

Kommunikation durch natürliche Säuglingspflege

„Setzt“ man ein Baby auf den Topf, wird dies in der windelfreien Erziehung „abhalten“ genannt. Genauso wie Füttern, Spielen und Baden ist es Teil der täglichen Säuglingspflege. Verfechter der windelfreien Methode verzichten von Anfang an auf die Windel. Selbst Neugeborene werden dann „abgehalten“, wenngleich sie in den ersten Wochen zumindest ein Moltonwindel oder eine Stoffeinlage bekommen – falls doch einmal etwas daneben gehen sollte. Das passiert allerdings nur dann, wenn Eltern den Signalen ihrer Babys nicht genug Aufmerksamkeit schenken. Rita Messmer, Autorin des Buches „Ihr Babys kann’s“ und sozusagen Pionierin der windelfreien Erziehung, ist davon überzeugt, dass selbst die kleinsten Kinder kompetente und selbstbewusste Wesen sind, die sich selbstbestimmt mitteilen. Dadurch sind sie auch in der Lage, ihre Bedürfnisse (in diesem Fall Harn- oder Stuhldrang) zu kommunizieren. Werden diese von den Eltern richtig gedeutet und anschließend erfüllt, lernen Babys zu vertrauen - diese positive Prägung hält bis ins Erwachsenenalter an.

Folgt man dieser Theorie, ist windelfreie Erziehung also viel mehr als das bloße Weglassen von Windeln. Sie ist vielmehr eine Entscheidung der Eltern, sich hingebungsvoll dem Kind zu widmen und ihm jegliche Aufmerksamkeit zu schenken. Demnach kommunizieren „windelfreie“ Eltern wesentlich mehr mit ihren Kindern, als jene, die ihr Kind einfach nach Bedarf wickeln.

Windelfrei als Lebenseinstellung

Windelfreie Erziehung ist zeitaufwendig. Eltern müssen sich vor allem zu Beginn rund um die Uhr mit ihrem Baby beschäftigen und zwar in einer Art, die über das gewohnte Ausmaß hinaus geht. Sie müssen auf jede Regung, jedes Quengeln, jeden Blick, jede Bewegung und auf jegliches Verhalten beim Stillen achten. Schließlich könnte eine bestimmte Verhaltensweise ein Hinweis des Babys sein, dass es sich gleich erleichtern muss. Wenn Papa und Mama das Konzept der Windelfreiheit praktizieren, verbinden sie dies häufig mit weiteren Elementen der alternativen Kindererziehung. Einerseits geschieht dies aus Überzeugung, andererseits auch aus praktischen Gründen. Lässt man den Nachwuchs im Familienbett übernachten oder trägt man ihn oft im Tragetuch, begünstigt dies eine enge Bindung zum Kind und ein intensives Kennenlernen. Der bewusste Kontakt wiederum ermöglicht es den Eltern, die Signale, die ihr Kind sendet, mit der Zeit immer besser einzuschätzen. Sie lernen, die Zeichen für Stuhl- oder Harndrang im richtigen Moment zu deuten und können anschließend entsprechend reagieren. Das „Abhalten“ über dem Topf entspricht dann dem gleichen Zeitaufwand wie der Wechsel einer Windel.

Wie praktikabel die windelfreie Erziehung im Alltag ist, muss wohl jeder für sich selbst entscheiden. Anhänger der Methode sind davon überzeugt dadurch die Bindung zu ihrem Kind zu stärken. Außerdem sparen sie nach eigenen Angaben Zeit und ganz offensichtlich Geld. Was außerdem entfällt: die spätere Entwöhnung des Kindes von der Windel. Fakt ist jedoch auch, dass windelfreie Erziehung sehr viel Zeit kostet und sie Kinder früh an eine Bezugsperson bindet. Größtenteils ist das die Mutter. Sie verbringt schließlich die meiste Zeit mit dem Nachwuchs. Kritiker sehen darin einen gewissen Rückschritt in der Emanzipation – Frauen werden in diesem Fall wieder stärker an Heim und Kind gebunden.

Was bedürfnisorientiertes Begleiten bedeutet, was hinter dem Begriff "Windelfrei" steht und wie es sich umsetzen lässt, erzählt Autorin Lini Lindmayer in diesem BABY ACADEMY-Vortrag:

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