Langzeitstillen

Der Großteil aller werdenden Mütter möchte nach der Geburt stillen und glücklicherweise wird das auf den meisten Entbindungsstationen gefördert. Manche Mamas geben die Stillbeziehung nach wenigen Wochen auf oder steigen auf eine Kombination aus Pre-Nahrung und Muttermilch um. Nur die wenigsten stillen über ein Jahr hinaus oder länger. Ab wann spricht man vom Langzeitstillen? Was versteht man unter dem „natürlichen Abstillalter“ und welche Vorteile bringt es, sein Baby länger zu stillen?

Natürliches Abstillalter

Dein Kind ist bereits im Kindergarten und du stillst es noch in der Nacht oder wenn es nach Hause kommt? Dann bist du gewissermaßen eine Langzeitstillmama. Einen allgemeinen Richtwert, ab wann eine Stillbeziehung als Langzeit-Stillbeziehung bezeichnet werden kann, gibt es nicht. Üblicherweise stillen Mütter noch im ersten Lebensjahr des Kindes ab, manche bereits zu Beikostbeginn (zwischen dem 4. und 7. Lebensmonat), andere etwas später. Was wir dir jedoch anbieten können, sind Empfehlungen zur Stilldauer.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sowie nationale Stillverbände gehen davon aus, dass es gesundheitsförderlich ist, ein Baby bis zum vollendeten sechsten Lebensmonat ausschließlich zu stillen. Darüberhinaus wird Muttermilch bis zum zweiten Lebensjahr als zusätzliche Nährstoffquelle empfohlen. Auch nach dem zweiten Geburtstag kann weitergestillt werden, sofern es Mutter und Kind möchten. Wissenschaftliche Studien zum Thema Abstillen gibt es nicht, genauso wenig gibt es einen Zeitpunkt, an dem unbedingt abgestillt werden muss. Normalerweise ist das Abstillen ein Prozess. Die Stillmahlzeiten werden weniger, das Kind verliert immer mehr das Interesse an der Brust oder die Rahmenbedingungen lassen ein regelmäßiges Stillen nicht mehr zu (z.B. wenn die Mutter einem Beruf nachgeht und beispielsweise im Schichtdienst arbeitet).

Positiv für Mutter & Kind

MedizinerInnen sind sich mittlerweile einig, dass Muttermilch die ideale Nahrung für einen Säugling ist. Aus immunologischer Sicht sind vor allem die in der Muttermilch enthaltenen Antikörper von Bedeutung. Sie helfen dem Baby beim Aufbau des eigenen Immunsystems und schützen den sensiblen Darm in den ersten Lebenswochen. Außerdem besteht Muttermilch aus wichtigen Vitaminen, Fetten, Kohlehydraten, Enzymen, Eiweiß und natürlich auch aus Wasser.

Die Natur hat sich dabei schon einiges gedacht, denn in den ersten Monaten ist das Baby mit Muttermilch ausreichend versorgt. Nach etwa 14 Tagen wird die reife Muttermilch gebildet, deren Inhaltsstoffe bis zum endgültigen Abstillen gleich bleiben. Die Milchmenge kann schwanken, das ist allerdings ein natürlicher Vorgang. Manchmal führen Stress oder gesundheitliche Belastungen zu einer Reduktion der Muttermilch. Wenn sich dein Kind gerade in einem Entwicklungsschub befindet, kann es auch vorkommen, dass die Milchmenge vorübergehend nicht ganz ausreicht und das Kind sehr oft gestillt werden möchte. Nach 1 oder 2 Tagen hat sich die Brust jedoch auf die erhöhte Nachfrage eingestellt, es wird wieder mehr Milch produziert. Es ist übrigens nicht erwiesen, dass die Muttermilch im Laufe der Zeit „dünner“ oder „weniger nahrhaft“ wird.

Gut zu wissen: es ist vollkommen normal, wenn sich deine Brüste weicher und nicht mehr so voll anfüllen. Vor allem bei Langzeitstillenden stellt sich die Milchproduktion ziemlich exakt auf die Trinkgewohnheiten des Kindes ein. Die Milchkanäle sind dann, wenn man so will, genau mit der „richtigen“ Menge Milch gefüllt.

Die positiven Effekte des Stillens sind Gegenstand zahlreicher Untersuchungen. Vor allem in den ersten Lebensmonaten hilft Muttermilch dabei, Allergien, Übergewicht und Diabetes vorzubeugen. Manche Mütter berichten auch, dass gestillte Kinder, weniger oft krank sind und/oder Krankheiten milder verlaufen. Das liegt vermutlich daran, dass das Immunsystem deines Babys schon trainiert wird, indem es deine Antikörper erhält. Wenn du also selbst einmal krank wirst, ist das im Normalfall sogar „gut“ für dein Baby. Da es über die Muttermilch Antikörper gegen den Erreger erhält, wird es sich in der Regel nicht anstecken oder nur einen sehr leichten Krankheitsverlauf durchmachen.

Brustkrebsrisiko wird gesenkt

Stillmamas leiden seltener an Brustkrebs, direkt nach der Geburt fördert Stillen die Rückbildung der Gebärmutter. Die positiven Auswirkungen gibt es natürlich auch bei Langzeitstillbeziehungen, wenngleich sie sich ein wenig verändern. Da Kinder dann üblicherweise bereits am Familientisch mitessen, nehmen sie viele Nährstoffe schon über feste Nahrung auf. Muttermilch ist allerdings immer noch eine wichtige Ergänzung – bis zum zweiten Lebensjahr wird beispielsweise der Eiweißbedarf noch bis zu einem gewissen Prozentsatz durch Muttermilch gedeckt.

Rückzugsort für Kinder

Je länger gestillt wird, desto häufiger ist die Brust so etwas wie ein Rückzugsort für Kinder. Sie fühlen sich in dieser Innigkeit mit ihrer Mutter verbunden und geborgen. Das ist von großer Bedeutung, wenn der Nachwuchs erste eigene Schritte in die Welt hinaus unternimmt (z.B. Eingewöhnung im Kindergarten). Bei Verletzungen oder in Krankheitsphasen suchen selbst ältere Kinder gerne den Trost an der Brust. Nächtliches Stillen ist auch im Kleinkind- und Kindergartenalter weiterverbreitet als man denkt.

Letztlich kommt es darauf an, ob sowohl Mutter als auch Kind mit der langen Stillbeziehung einverstanden sind. Kein Kind lässt sich zum Stillen zwingen. Du wirst merken, wenn dein Kind die Stillzeit von sich aus beenden möchte. Genauso darfst du den Nachwuchs sanft abstillen, wenn es sich für dich nicht mehr stimmig oder vielleicht sogar schon eigenartig anfühlt. Das klappt in den meisten Fällen gut. Viele Mütter berichten jedoch, dass das Abstillen schwierig verläuft, wenn sie selbst nicht voll und ganz dahinter stehen, sondern eher aus familiärem oder gesellschaftlichem Druck heraus abstillen.

Junge Mutter stillt ihr Baby

Stillen und Beikost

Aktuellen Beikostempfehlungen zufolge kannst du zwischen vier und sechs Monaten damit beginnen, deinem Baby feste Nahrung in Form von Brei oder Fingerfood anzubieten. Die WHO bleibt bei ihrer Empfehlung, sechs Monate voll zu stillen und erst dann Beikost einzuführen. Manche Kinder zeigen schon früh Interesse, andere viel später. Dein Baby wird sich erst nach und nach an die neue Kost gewöhnen und so sollte das Stillen noch Hauptnahrungsquelle bleiben. Die alte Empfehlung, nach und nach immer mehr Stillmahlzeiten rigide durch Beikost zu ersetzen, ist nicht mehr zeitgemäß. Stattdessen stillst du einfach weiter nach Bedarf.

Mit der Zeit findet ihr gemeinsam einen neuen Rhythmus, der sowohl Stillen als auch Breimahlzeiten (oder Fingerfood) vereint. Du darfst also auch nach der Einführung von Beikost so lange weiterstillen, wie du es möchtest. In Punkto Allergieprävention scheint das Stillen auch eine positive Wirkung auf die Einführung bestimmter Lebensmittel zu haben. Man geht davon aus, dass Lebensmittel, die häufig Allergien auslösen wie beispielsweise Fisch, Ei und Weizen, besser vom Körper toleriert werden, wenn er damit das erste Mal unter dem Schutz der Muttermilch damit in Berührung kommt. Es heißt, die Toleranzbereitschaft des Körpers sei bei gestillten Kindern größer, Lebensmittelallergien seltener. Davon profitieren jene Kinder, die länger gestillt werden, da sie normalerweise feste Nahrung und Muttermilch gleichzeitig aufnehmen.

So reagiert das Umfeld

Auch wenn es eine zutiefst persönliche Entscheidung von Mutter und Kind ist, haben Freundinnen, Verwandte, Arbeitskolleginnen oder die Mütter im Kindergarten meistens eine Meinung zum Thema Langzeitstillen. Dabei scheint vor allem das Alter des gestillten Kindes einen Unterschied zu machen. Während es mittlerweile durchaus akzeptiert wird, wenn Kinder über das erste Lebensjahr hinaus gestillt werden, ernten Mamas von älteren Stillkindern schon einmal einen schiefen Blick. ExpertInnen stellen fest, dass dies mit unseren gesellschaftlich geprägten Vorstellungen zusammenhängt. Ein Kindergarten- oder Schulkind, das an der Brust der Mutter nuckelt, ist für viele ein ungewöhnlicher Anblick. Und manche empfinden es auch als unangebracht.

„Warum stillst du immer noch?“

In vielen Kulturen ist es aber üblich, Kinder bis zum vierten Lebensjahr oder darüber hinaus zu stillen. Umfassende Studien wie lange beispielsweise in Österreich gestillt wird, gibt es nicht. Erfahrungen aus der Stillberatungspraxis zeigen jedoch, dass der Großteil aller Kinder im ersten Lebensjahr abgestillt wird. Stillbeziehungen, die bis ins Kindergartenalter oder länger andauern, sind eher die Ausnahme. Häufig verlegen Langzeitstillmamas das Stillen ab einem gewissen Zeitpunkt in die eigenen vier Wände, um Anfeindungen, unangenehmen Blicken oder der Frage „Warum stillst du immer noch?“ zu entgehen.

Der Rechtfertigungsdruck scheint größer zu werden, je älter das Kind ist. Manche Mütter begegnen diesem Druck mit Selbstbewusstsein und innerer Stärke. Sie sind davon überzeugt, dass Kinder jeden Alters von den positiven Effekten der Muttermilch profitieren. Abstillen gegen den Willen des Kindes, wäre für sie unnatürlich. Anderen hingegen fällt das nicht so leicht. Sie sind hin- und hergerissen zwischen dem eigenen Gefühl (Mutter und Kind genießen es zu stillen, so lange sie wollen) und den gesellschaftlichen Erwartungen.

Du und dein Kind entscheidet

Wie lange du die Stillbeziehung aufrecht erhalten möchtest, ist einzig und allein deine Entscheidung – und die deines Kindes. Für manche Mamas ist bereits nach wenigen Monaten Schluss, andere stillen solange, bis das Kind die Brust von sich aus verweigert. Erfahrungsgemäß verändert sich die Stillbeziehung im Laufe der Zeit. Wenn du wieder in den Beruf zurückkehren möchtest, verlagern sich eure Stillzeiten vermutlich auf den Morgen und den Abend/die Nacht. Vielleicht wird aus dem Stillen aber auch immer mehr ein Beruhigungsritual, beispielsweise nach einem aufregendem Kindergartentag oder einer Verletzung.

Letztlich bleibt es deinem Gefühl überlassen und darauf darfst du auch vertrauen. Wenn der Zeitpunkt zum Abstillen gekommen ist, wirst du es merken – ganz gleich, ob dein Nachwuchs dann ein paar Monate oder schon fünf Jahre alt ist. Bei Unsicherheiten oder emotionalen Problemen, kannst du dich jederzeit an eine Hebamme oder Stillberaterin in deiner Nähe wenden. Sie berät dich auch in allen Fragen zum Abstillen und Loslassen im Abstillprozess.

Hebammentipp: Karenzende und Arbeitsbeginn müssen nicht gleichbedeutend mit Abstillen sein. Kleinkinder, die gestillt werden, sind nicht mehr darauf angewiesen, in kurzen Abständen Muttermilch zu bekommen und stellen sich meist schnell darauf ein, dass die Milch jetzt seltener oder nur zu gewissen Tageszeiten verfügbar ist. Das Mutterschutzgesetz geht auch auf Stillende ein und räumt diesen explizit Still- oder Abpumpzeiten während der Arbeit ein – egal wie alt das Kind ist!

ExpertInnen-Überprüfung durch

Hebamme Eva Schranz, BSc

Seit 2010 ist Eva Schranz als Hebamme tätig. Sie arbeitet in einem Krankenhaus mit ca. 1000 Geburten pro Jahr und ist zudem freiberuflich in der Schwangerenberatung, Geburtsvorbereitung, Wochenbettbetreuung und Rückbildung tätig. Eva ist Mutter zweier Kinder und erwartet 2020 das dritte. Mehr über Hebamme Eva erfährst du hier.

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Gerade im Wochenbett und manchmal auch noch danach spielt das Thema Nachsorge eine große Rolle. Hebammen, Doulas und ÄrztInnen sind im Rahmen dessen bemüht, die Jungfamilie so gut wie möglich zu unterstützen und die Mütter bei etwaigen Problemen (z.B. Stillprobleme, Schmerzen) zu beraten.

Kommen wir nun zu einem heiklen Thema: Stillen und die Einnahme von Medikamenten. Es lässt sich nicht verhindern, dass du krank wirst, selbst wenn du stillst. Zudem gibt es einige Mütter, die auf die regelmäßige Einnahme von bestimmten Wirkstoffen angewiesen sind, spezielle Erkrankungen können ebenso eine Behandlung erforderlich machen. Wenn eine medikamentöse Therapie notwendig ist, bedeutet das jedoch nicht, dass du dein Baby abstillen musst. Eine Vielzahl der gängigen Präparate darf auch in der Stillzeit verordnet werden, nur wenige Medikamente sind mit dem Stillen nicht kompatibel.

Wir haben es bereits erwähnt: ein starker Milchspendereflex geht oft mit einer Überproduktion an Muttermilch Hand in Hand. Einen Teil des Problems kannst du also lösen, indem du versuchst, die Milchmenge zu reduzieren. Die anderen Maßnahmen, die Erleichterung schaffen, betreffen in erster Linie die Technik beim Stillen und die Stillposition.

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