Pränatale Psychologie

Neben den körperlichen Veränderungen im Laufe einer Schwangerschaft ist für Eltern besonders auch die Entwicklung des ungeborenen Kindes von Interesse. Wann sind seine Sinne ausgebildet? Kann es die Stimme der Mutter schon erkennen? Öffnet es schon seine Augen? Und natürlich: was fühlt das kleine Lebewesen?

Gerade die Empfindungen des Babys sind nicht nur für Eltern, sondern auch für die Wissenschaft von größter Bedeutung. In den letzten Jahren entwickelte sich parallel zur perinatalen Psychologie die pränatale Psychologie. Sie beschäftigt sich mit der vorgeburtlichen Gefühlswelt im Mutterleib.

Im Gegensatz zu bisherigen Annahmen geht man mittlerweile nämlich davon aus, dass nicht nur der Körper, sondern auch die Psyche des ungeborenen Kindes während der Schwangerschaft wichtige Entwicklungs- und Reifungsprozesse durchläuft. Warum die grundlegenden Erkenntnisse der pränatalen Psychologie auch für Eltern spannend sind und wie sie dabei helfen, schon vor der Geburt eine intensive Bindung zum Nachwuchs aufzubauen, erfährst du hier.

Schwangeres Paar auf Sommerwiese

Junge Wissenschaft

Lange Zeit betrachtete man die Entwicklung eines ungeborenen Kindes ausschließlich unter physiologischen Aspekten. Organreifung, Wachstum, Gewichtszunahme, Ausprägung der Sinne sowie Wirkungszusammenhänge im Versorgungskreislauf zwischen Mutter und Kind standen im Vordergrund. Dass ein Fötus bereits Gefühle entwickeln und auf Umweltreize reagieren kann, war schlichtweg unvorstellbar.

Moderne Ansätze der pränatalen Forschung beschäftigen sich immer mehr mit dem inneren Erleben, der Seelenwelt des ungeborenen Babys. Profitiert hat dieser relativ junge Forschungsbereich von den technischen Fortschritten auf dem Gebiet der Pränataldiagnostik. Mittels Ultraschall lassen sich nicht nur Entwicklungsparameter wie Kopfumfang, Bauchumfang oder Länge des Oberschenkelknochens, sondern auch Reaktionen des Babys darstellen. So konnte in Studien beispielsweise beobachtet werden, dass ungeborene Kinder bereits im Mutterleib auf starke Reize reagieren.

Empfindet die Mutter große Angst oder Anspannung z.B. während sie einen bestimmten Film sieht, „antwortet“ das Baby darauf mit leichten Veränderungen in seiner Motorik (es liegt die Stirn in Falten oder beginnt wie wild zu strampeln). Auf der anderen Seite wirken positive Gefühle der Mutter (Freude oder positive Aufregung) auch positiv im Mutterleib. Es werden dann verstärkt Endorphine ausgeschüttet, die dazu führen, dass sich der Nachwuchs wohl, sicher und geborgen fühlt.

Die pränatale Psychologie bewegt sich jedoch innerhalb gewisser Grenzen, dies betrifft allen voran die Forschungsmöglichkeiten. Nicht ohne Grund bildet die Gebärmutter eine schützende Hülle rund um die Babys. Sie sollen sich in Ruhe entwickeln, je weniger sie durch äußere Einflüsse gestört werden, desto besser. Die praktische Forschung (Empirie) beschränkt sich also darauf, das Seelenleben des Kindes sozusagen über die Mutter zu erfassen und kindliche Reaktionen auf mütterliche Reize zu dokumentieren. Die Ergebnisse, die dabei gewonnen werden, dienen einerseits der besseren Zusammenarbeit verschiedenster Disziplinen (wie z.B. Psychologie, Neurologie, Gynäkologie), ermöglichen aber auch werdenden Eltern, ihr Kind besser zu verstehen und es bereits im Mutterleib als lebendiges Wesen mit eigener Gefühlswelt zu begreifen.

So empfinden Babys

Man geht davon aus, dass Babys mit Ende der Embryonalphase bereits in der Lage sind, zu empfinden. Die Vorstellung, dass Kinder im Mutterleib lediglich passiv „herumschwimmen“, gilt längst als überholt.  Einerseits sind die Gefühle von Ungeborenen natürlich an ihr Empfindungsvermögen geknüpft, welches wiederum mit bestimmten körperlichen Entwicklungen in Verbindung steht. Zwischen der 20. und 24. Schwangerschaftswoche ist beispielsweise das Gehör des Babys vollkommen ausgeprägt. Es kann auf akustische Reize wie die Stimme der Mutter/des Vaters oder auf Musik reagieren. Im letzten Schwangerschaftsdrittel nimmt es sogar besonders laute Geräusche wie das Hupen eines Autos oder das Schrillen einer Türglocke wahr. Ob der Fötus dabei erschrickt oder nicht, hängt im Wesentlichen von der Reaktion seiner Mutter ab. 

Andererseits spielen Hormone in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle. Als Botenstoffe sorgen sie nämlich dafür, dass die Gefühle der Mutter zum Kind weitergeleitet werden. Es geht hierbei sozusagen um den Transport psychischer Empfindungen auf physischem Wege. Alles was die Mutter empfindet, gelangt mehr oder weniger gefiltert zu ihrem Baby. Forscher gehen davon aus, dass das Ungeborene mit der Gefühlswelt der Mutter in enger Verbindung steht und daran regen Anteil nimmt.

Mutter-Kind-Bindung

Die Mutter ist die erste Bezugsperson im vorgeburtlichen Leben eines Kindes. Es wächst nicht nur räumlich gesehen in ihrem Bauch heran, es steht in einer permanenten Wechselbeziehung mit ihr. Tatsächlich ist es von der Mutter abhängig. Über die Nabelschnur gelangen schließlich alle essentiellen Nährstoffe zum Baby, darüberhinaus wird es mit Sauerstoff versorgt. Bis kurz vor der Geburt benötigen Kinder ihre Mutter schlichtweg, um zu überleben.

Abgesehen davon ist es der Fötus, der der Mutter während der gesamten Schwangerschaft so nahe ist, wie niemand sonst. Er nimmt jede Regung wahr, hört Atem- und Verdauungsgeräusche, reagiert auf den mütterlichen Herzschlag. Über dieses physische Band entsteht auch eine emotionale Bindung. Ungeborenen Babys, die von Anfang an Wärme, Ruhe und Liebe erfahren, gelingt es nach der Geburt besser, sich an die neuen Lebensbedingungen außerhalb des Mutterleibes anzupassen.

Geht es Mutter und Kind während der Schwangerschaft gut, wirkt sich dies laut EntwicklungspsychologInnen auch nach der Geburt positiv auf die Fähigkeit des Kindes aus, gesunde emotionale Bindungen einzugehen. Der Grundstein sicherer Bindung wird demnach schon in der Schwangerschaft gelegt.

Stress in der Schwangerschaft

Häufig und mitunter kontrovers diskutiert, wird die Frage, wie sich Stress auf die Entwicklung des ungeborenen Kindes auswirkt. Gerät eine Mutter in einen akuten Angstzustand (z.B. beim Eintreten unvorhergesehener Situationen im Straßenverkehr usw.), verändert sich ihr Herzschlag. Außerdem schüttet sie vermehrt Stresshormone aus, die über die Nabelschnur zum Baby gelangen. Dadurch manifestiert sich der Stress auch beim Kind. Grund zur Sorge besteht jedoch nicht.

ForscherInnen sind davon überzeugt, dass emotionale Höhen und Tiefen, die im Laufe einer Schwangerschaft vollkommen natürlich auftreten, das Kind nicht gefährden. Auch gelegentliche Stimmungsschwankungen, anstrengende Situationen im Job oder Streitereien mit dem Partner, werfen die Kleinen nicht aus der Bahn. Kritisch wird es erst, wenn Angst- und Stresszustände dauerhaft anhalten oder in Szenarien übergehen, die die Existenz bedrohen. Studien haben gezeigt, dass Kinder, die in Krisengebieten auf die Welt kommen, sich langsamer entwickeln, als andere Kinder. Häufig weisen sie auch ein geringeres Geburtsgewicht auf.

So können Eltern dieses Wissen nutzen

Wer folgende Aspekte beachtet, kann bereits vor der Geburt eine intensive Beziehung zum Nachwuchs aufbauen – das gilt für Vater und Mutter gleichermaßen:

  • Das Baby sollte schon im Mutterleib als vollwertiges Familienmitglied angenommen werden.
  • Eine Bindung entsteht dann, wenn man sich dem Ungeborenen aktiv zuwendet und sich intensiv mit ihm beschäftigt.
  • Über Sprechen, Singen, Vorlesen, Abspielen von Musik oder aber auch die körperliche Berührung (Streicheln des Bauches, leichtes Anklopfen an der Bauchdecke) können Eltern mit ihrem Nachwuchs kommunizieren.
  • Je besser es der Mutter gelingt, Auszeiten für sich zu nutzen und einen emotionalen Ausgleich zu schaffen (z.B. durch Entspannung, Sport, einem Treffen mit Freunden), desto ruhiger und sicherer fühlt sich das Baby.

Experten-Überprüfung durch

Univ.-Prof.in Dr.in Stefanie Höhl

Stefanie Höhl ist Professorin für Entwicklungspsychologie an der Universität Wien. Sie leitet dort die Wiener Kinderstudien zur Erforschung der frühen sozialen Entwicklung und der Entwicklung des Denkens.

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