Tragen aus physiologischer Sicht

Wir haben es schon mehrfach erwähnt, Menschenkinder sind echte Traglinge (Der Begriff wurde in den 70er-Jahren vom Biologen Bernhard Hassenstein geprägt). Neun Monate werden sie in Mamas Bauch geschaukelt und gewöhnen sich an die sanften Bewegungen. Auch nach der Geburt genießen sie es, ganz nah am Körper der Mama oder des Papas gehalten zu werden. Tragetücher und Tragehilfen sind dabei eine wunderbare Unterstützung. Dein Baby sitzt quasi Bauch an Bauch aufrecht im Tuch/der Trage und du hast beide Hände frei, um kleinere Hausarbeiten zu erledigen oder dich um Geschwisterkinder zu kümmern. Der positive Nebeneffekt: Dein Baby tankt ausreichend Nähe und Geborgenheit, während du in deinem Bewegungsradius flexibel bleibst. Im Grunde kuscheln sich Babys automatisch an ihren Tragepapa oder ihre Tragemama – dennoch gibt es ein paar Regeln, die du beachten solltest, damit dein Baby in der Tragehilfe die richtige Haltung einnimmt.

Motorische Entwicklung deines Babys

Wie dein Baby das Licht der Welt erblickt, ist es auf deinen Schutz und deine Fürsorge angewiesen. Es möchte gestillt/gefüttert, gewickelt, gewärmt, gehalten und getragen werden. In den ersten Wochen und Monaten bist du beinahe ausschließlich damit beschäftigt, die Signale des kleinen Wesens zu erkennen, richtig zu deuten und dafür zu sorgen, dass seine Bedürfnisse erfüllt sind. Kinder entwickeln sich in dieser Zeit rasant, sowohl motorisch als auch in ihren kognitiven Fähigkeiten. Es bringt viele Reflexe mit, die im Laufe der Monate oder sich integrieren.

Ein Reflex ist beispielsweise der Greifreflex – dein Kind umklammert automatisch mit seiner Hand deinen Finger oder biegt seine Zehen um, wenn man sie leicht berührt. Wenn du dein Baby nun in die Luft hebst, winkeln Babys automatisch ihre Beinchen an – auf diese Haltung kommen wir später noch zu sprechen, wenn es um das ergonomisch richtige Sitzen in der Trage gehen wird.

In den ersten Lebensmonaten ist es wichtig, dass sich die Haltung deines Babys natürlich entwickeln darf. Die Natur hat das sehr clever eingerichtet – von Monat zu Monat wird dein Baby kräftiger und aktiver. Bald beginnt es, seinen Kopf zu drehen und ihn nach oben zu strecken, irgendwann folgen Drehungen und halbe Drehungen des Körpers und ab dem sechsten bis achten Monat lernt es, selbstständig zu sitzen und sich aus eigener Kraft aufrecht zu halten. Die Kopfkontrolle und der Entwicklungsstand der Wirbelsäule sind zwei Aspekte, die du beim Tragen unbedingt berücksichtigen solltest. Im Tuch/in der Trage benötigt dein Kind einen festen Halt sowohl für den Kopf als auch für die gesamte Wirbelsäule.

Hinweis: Für Frühchen und Babys mit besonderen Bedürfnissen gelten noch einmal andere Regel, da sie üblicherweise schwächer auf die Welt kommen. Gewisse Trageweisen sind dann nicht geeignet, auch sind extra-schmale Tücher oder spezielle Tragen für Frühchen den herkömmlichen Tragen vorzuziehen. Wenn du dein zu früh geborenes oder krankes Baby tragen möchtest, wende dich an eine/n TrageberaterIn, die darauf spezialisiert ist. Sie kann dich auch im Krankenhaus, auf der Neonatologie oder zu Hause besuchen!

Die richtige Haltung im Tragetuch/der Babytrage

Die gute Nachricht vorweg: Du darfst beim Tragen deiner Intuition vertrauen. Kinder sind Traglinge, sie genießen es und nehmen beinahe automatisch die richtige Haltung ein. Wenn du dein Kind in die Trage oder in den Tuchbeutel vom Tragetuch setzt, wird es seine Beinchen anwinkeln und mit Popo und den Füßen ein „M“ bilden.

Unabhängig davon, ob du mit einer Tragehilfe oder mit einem Tuch trägst, folgende Punkte solltest du beachten:

  • Dein Baby sollte die oben erwähnte Anhock-Spreiz-Haltung einnehmen. Dabei sind die Oberschenkel/Beine etwa 90 Grad angewinkelt und etwa auf Nabelhöhe des Babys hochgezogen. Die Beinchen sind ein wenig gespreizt.
  • Achte darauf, dass der RĂĽcken deines Babys natĂĽrlich gerundet ist. Es soll nicht ins Hohlkreuz fallen.
  • Wenn dein Baby seinen Kopf noch nicht halten kann, musst du dafĂĽr sorgen, dass er ordentlich gestĂĽtzt ist. Tragehilfen haben oft eine eingearbeitete KopfstĂĽtze, bei einem Tuch kannst du mit der Kopfkante unterstĂĽtzen oder eine Tuchbahn als StĂĽtze verwenden.
  • Babys, die schon mehr sehen möchten, kannst du gut am RĂĽcken oder auf der HĂĽfte tragen. Vor deinem Bauch mit Blick nach vorne ist oft unphysiologisch und daher meist nicht empfehlenswert.
  • Beim Hochnehmen des Kindes in die Trage oder das Tuch muss eine Hand immer am Baby bleiben, um es zu sichern.
  • Vor allem bei Tragehilfen spielt die Breite des Stegs eine wichtige Rolle. Ergonomisch optimale Tragehilfen verfĂĽgen ĂĽber einen verstellbaren Steg – er sollte stets von Kniekehle zu Kniekehle reichen.
  • TragetĂĽcher mĂĽssen fest festgebunden werden, um den optimalen Halt zu bieten. Achte bei Tragehilfen darauf, dass alle Schnallen (am HĂĽftgurt und am Schultergurt) richtig verschlossen sind.

Tragen bei HĂĽftdysplasie & Schiefhals

Leidet dein Baby unter einem gesundheitlichen Problem, gilt es im Vorfeld mit dem Kinderarzt/Kinderärztin abzuklären, ob es Gründe gibt, die gegen das Tragen sprechen. Unter einer Hüftdysplasie versteht man eine Fehlstellung des Hüftgelenks, von der relativ viele Säuglinge nach der Geburt betroffen sind. Gelenk und Hüftpfanne passen vereinfacht gesagt nicht ineinander. Die Diagnose erfolgt nach der Entbindung, üblicherweise wird manuell therapiert. Euer Orthopäde zeigt dir wie du helfen kannst: vielleicht wirst du dein Baby breit wickeln, ihm eine Spreizhose anziehen oder vom Orthopäden eine spezielle Bandage anfertigen lassen. Das Tragen im gut gebundenen Tuch wird ausdrücklich empfohlen, da es sich positiv auf die Entwicklung der Hüfte auswirkt.

Ähnliches gilt für den sogenannten Schiefhals bzw. dem KISS-Syndrom. Leidet dein Baby an KISS (Kopfgelenk-induzierte-Symmetrie-Störung), liegt ebenso eine Fehlstellung vor. Davon sind die Halswirbel betroffen. Dein Baby kann seinen Kopf nicht richtig drehen, vielleicht hat es auch Schmerzen oder Probleme beim Ansaugen an der Brust. Auch hier kann das Tragen im Tuch eine therapieunterstützende Maßnahme sein. In beiden Fällen empfehlen wir dir, dich an eine/n TrageberaterIn zu wenden, die sich auf diese Themen spezialisiert hat.

Vorwärtsgerichtetes Tragen und Hüfttrageweise

Am Ende dieses Artikels wollen wir noch zwei Themen ansprechen, zu denen es immer wieder Unklarheiten gibt. Einige Tragehilfenhersteller werben mit einer Trageweise, bei der dein Baby nach vorne schaut. Es sitzt also nicht Bauch an Bauch in der Trage, sondern ist dir mit dem Rücken zugewandt. TrageberaterInnen raten davon tendenziell eher ab. Zum einen nimmt dein Baby vorwärtsgerichtet oft keine ergonomisch korrekte Position ein. Die Beinchen hängen hinab, der Haltungsapparat wird unzureichend gestützt. Zum anderen ist es in vielen Umgebungen sehr vielen Reizen und Eindrücken ausgesetzt, die es in dieser frühen Lebensphase nicht leicht verarbeiten kann. Wenn dein Baby älter ist, bietet sich die Rucksack-Trageweise als Alternative an. Die Hüfttrageweise wird ebenfalls gerne beworben und ist tatsächlich eine praktische Alternative zur klassischen Bauchtrageweise, die oft neugierigen Babys ab etwa vier Monaten gut gefällt.

ExpertInnen-ĂśberprĂĽfung durch

Michaela Lehner

Michaela Lehner

Zertifizierte Trageberaterin, Leiterin von Die Trageschule® Österreich und Schweiz und Obfrau des Dachverbands österreichischer Trageschulen. Seit 2004 beschäftigt sie sich mit dem gesunden Tragen von Babys und Kleinkindern und war maßgeblich am Aufbau des österreichischen Trageberatungs-Netzwerks beteiligt.

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