Hebammen – Wegbegleiterinnen von Anfang an

„Wir werden Eltern.“ Ein Moment, der sicher zu den einschneidendsten Erfahrungen im Leben einer Frau und ihres Partners gehört. Und einer, der - vor allem für Erstgebärende - viele Fragen und Unsicherheiten aufwirft, über den langen, unbekannten Weg von der Schwangerschaft, über die Geburt, bis hin zu den ersten Wochen der Mutterschaft. Gut, wenn es da jemanden gibt, der diese Wanderung begleitet, das Gelände kennt und Stolpersteine aus dem Weg zu räumen hilft: die Hebamme.

Zwischen Hexerei und moderner Geburtshilfe

Die Berufsbezeichnung „Hebamme“ kommt aus dem Mittelhochdeutschen, und leitet sich wörtlich ab von der Ahnin oder Großmutter, die das Kind den Eltern entgegen hebt. Trotzdem gibt es schon seit altertümlichen Zeiten Belege, die den Begriff nicht nur als Familienverhältnis ein-, sondern einem Berufsstand zuordnet – die Ahnin, die das Wissen um den Beginn von neuem Leben in sich trägt und jüngeren Frauen weitergibt, gilt wohl damals wie heute eher im übertragenen Sinne.
Diese mystische Kraft haftet der Profession allerdings auch als Stigma an, spätestens seit dem Mittelalter, während dem viele Hebammen als Hexen ihren Tod im Feuer der Inquisition gefunden haben. Und auch heute, im Zeitalter der Wissenschaft, wird der ganzheitliche Zugang zum Themenkomplex rund um Familienplanung, Schwangerschaft, Geburtshilfe und Säuglingspflege oft abgetan als überspannte Esoterik.

Was tatsächlich Zentrum der Hebammenarbeit ist, formuliert das österreichische Hebammengesetz als „die Betreuung, Beratung und Pflege von Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen, die Beistandsleistung bei der Geburt sowie die Mitwirkung bei der Mutterschafts- und Säuglingsfürsorge“, und weist damit über diese Stigmatisierung hinaus auf eine ganz konkrete Ganzheitlichkeit: Im Gegensatz zur kolportierten Geburtshilfe, die wir aus Film und Fernsehen kennen, bei der ein Weißkittel vor der werdenden Mutter hockt und „Pressen!“ schreit, geht es um eine Versorgung und Begleitung, die einerseits weit über den Moment der Entbindung hinaus geht, und andererseits auch den oft rein medizinisch geprägten Aspekt ergänzt, um ein Verständnis der körperlichen, geistigen und seelischen Prozesse, die mit „Eltern-werden“ zusammenhängen.

So umfasst der Wirkungskreis einer Hebamme zunächst einmal das vorgeburtliche Feld:

  • Familienplanung, Verhütung und Empfängnis
  • Feststellung einer Schwangerschaft
  • Untersuchungen um den Normalverlauf der Schwangerschaft zu beobachten (auch im Zusammenhang mit dem Mutter-Kind-Pass)
  • Geburtsvorbereitung
  • Vorbereitung auf die Elternschaft

Das Kerngeschäft der Hebamme ist dann natürlich die Geburtshilfe bei Spontangeburten, egal ob im Krankenhaus, ob in der Geburtsklinik oder zu Hause, im Liegen, im Hocken oder im Wasser.
Dabei übernimmt sie auch weitreichende medizinische Kompetenz, durch die die Anwesenheit einer Ärztin oder eines Arztes nicht notwendig ist. Umgekehrt ist es sogar so, dass laut österreichischem Gesetz bei jeder Geburt aber sehr wohl eine Hebamme herangezogen werden muss. Die Umsetzung dieser Regel in den Krankenhäusern unterscheidet sich von Fall zu Fall, mancherorts ist es Krankenhauspolitk, zusätzlich auch immer eine/n MedizinerIn heranzuziehen, die Hebamme ist jedenfalls immer dabei und, in Absprache mit dem Stationsarzt,  obliegt ihr auch dort meist die Geburtsleitung. So ist es, unabhängig von dem Ort der Entbindung, an ihr, die Vitalzeichen und –funktionen des Neugeborenen und der Mutter zu beurteilen und erforderlichenfalls hilfeleistende Maßnahmen durchzuführen. 

Nach der Geburt, in der Phase des Wochenbetts, lässt sich Hebammenarbeit in folgenden Punkten zusammenfassen:

Diese Dienste werden sowohl als Paket bei einer Hebamme angeboten, oder können zum Beispiel als zusätzliche Kurse zur gewählten Entbindungsform in Anspruch genommen werden.
Oft sind die Geburtshelferinnen dabei nicht nur schulmedizinisch ausgebildet, (bedienen damit vielleicht wieder ihren Kräuterhexen-Ruf), und verfügen auch über komplementärmedizinische Zusatzausbildungen wie z.B. Akupunktur, Homöopathie oder Bachblüten, die den physiologischen, psychologischen und seelischen Ablauf von Schwangerschaft und Geburt auf allen Ebenen unterstützen können.

Zu diesem weitreichenden Verständnis von Schwangerschaftsbegleitung und Geburtshilfe kommt zum Berufsverständnis auch die Überzeugung, dass jede Frau ein Recht darauf hat, die Bedingungen, in denen sie Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett erlebt, selbst bestimmen darf. Die Pflicht, Frauen und Familien über die verschiedenen Wahlmöglichkeit, unter denen dieser Prozess in der gebrauchten Privatheit, Intimität und Sicherheit vonstattengehen kann, zu informieren, ist im Ethikkodex der Hebammen festgeschrieben.

Die richtige Beratung…

Das Wiener Hebammenzentrum im 9. Bezirk bietet beispielsweise seit 1989, neben diversen Kursangeboten,  kostenlose Beratung zu Fragen in allen Phasen von Familienplanung über Geburt bis hin zum 1. Lebensjahr des Kindes. Jährlich werden hier etwa 4500 telefonische Beratungen und 2800 persönliche Gespräche in Sprechstunden mit den Hebammen (unterstützt durch SozialarbeiterInnen und MedizinerInnen) durchgeführt.

Dabei kann es um die Feststellung der Schwangerschaft gehen, oder die Erklärung von ärztlichen Befunden, um das Besprechen von Sorgen und Ängsten bezüglich Schwanger- und Elternschaft, oder auch um eine Beratung für werdende Väter oder Geschwister. Empowerment ist das Stichwort – die Möglichkeit, die eigenen Bedürfnisse zu reflektieren und selbstverantwortlich Entscheidungen treffen zu können rund um das Thema Kinderkriegen. Auch auf den interkulturellen Dialog wird dabei stark geachtet, wie es im internationalen Ethikkodex der Hebammen formuliert steht: „Hebammen sorgen für die Betreuung und Pflege von Frauen und Familien, die Kinder bekommen. Sie respektieren dabei die kulturelle Vielfalt und setzen sich gleichzeitig für die Abschaffung schädlicher Bräuche und Sitten innerhalb dieser Kulturen ein.“ Bei Bedarf werden die Beratungen auch mit DolmetscherInnen durchgeführt.

… und die richtige Wahl

Auch bei der Wahl des Geburtsortes ist das Bewusstmachen von Bedürfnissen und Erwartungen zentral. Die häufigste Variante ist die Entbindung in der Geburtsstation eines Krankenhauses (auch hier ist eine Wahl zu treffen – welches Krankenhaus, welches Ärzte- und Hebammenteam, welche Ausstattung…). Die betreuende Hebamme ist dabei ganz einfach die diensthabende. Bei einer ambulanten Geburt gehen Mutter und Baby innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt wieder nach Hause, um dort die Zeit des Wochenbettes zu verbringen; wird eine stationäre Geburt gewünscht, oder ist sie notwendig (wie zum Beispiel bei Kaiserschnitten oder Mehrlingsgeburten), so verbringen sie die ersten Tage  des Wochenbetts (je nach Geburtsgeschichte) noch im Krankenhaus. In beiden Fällen ist es möglich, für die Wochenbettbetreuung zu Hause die Dienste einer Hebamme in Anspruch zu nehmen, was zu einem gewissen Teil auch von den Krankenkassen gedeckt wird.
Wer eine persönlichere und kontinuierliche Begleitung wünscht, hat in einigen Krankenhäusern auch die Möglichkeit, seine eigene sogenannte Wahlhebamme mit zur Entbindung zu bringen (ob und welche Krankenhäuser mit welchen Hebammen kooperieren ist fallweise unterschiedlich). Die Betreuung durch die ausgewählte Hebamme kann dadurch schon sehr  früh in der Schwangerschaft beginnen, durch geburtsvorbereitende Hausbesuche und Ordinationstermine kann eine engere, vertrauensvolle Beziehung aufgebaut werden, die sich über den ganzen Zeitabschnitt bis nach dem Wochenbett erstreckt.

Eine Alternative zur Geburt in einer Klinik stellt die Entbindung in einem Geburtshaus dar, wo versucht wird, sowohl medizinische Sicherheit als auch geborgene Atmosphäre zu bieten. Geburtshäuser sind außerklinische Einrichtungen, die selbstverantwortlich von einem kleinen Hebammenteam geführt werden, und sowohl Vorbereitung, wie auch Geburtshilfe und Nachbetreuung anbieten.
Die persönlichste und intimste Variante ist aber wohl die Hausgeburt, für die die Hebamme ins eigene, vertraute Umfeld kommt, den gesamten Prozess sehr auf die jeweiligen Bedürfnisse abgestimmt betreut, und sowohl die Geburt als auch das Wochenbett in der Geborgenheit der eigenen vier Wände verbracht werden.

Die eigene Hebamme – ein Luxus?

Hebammenarbeit über das Standardangebot der Krankenhäuser hinaus zu beanspruchen kann leider zumeist nicht kostenlos sein (außer in einigen Sozialprojekten, wie zum Beispiel dem Pilotinnenprojekt des Wiener Hebammenzentrums), ist aber sehr wohl zu weiten Teilen eine Leistung der Krankenkassen, mit denen im Fall von Vertragshebammen auch direkt verrechnet wird.
Für Leistungen von Hebammen ohne Vertrag mit einer Krankenkassa muss zunächst direkt gezahlt werden, allerdings werden 80% der Tarifleistungen, die vorbereitende und nachbetreuende Hausbesuche, Untersuchungen in einer Hebammenordination und Hausgeburten umfassen, refundiert.

Ist die Wahl dann also auf das gewünschte Betreuungs- und Geburtsmodell gefallen, muss nur noch die optimale Hebamme für die jeweiligen persönlichen Ansprüche ausgewählt werden. Die Homepage des österreichischen Hebammengremiums www.hebammen.at und deren Landesstellen helfen dabei, Hebammen und Einrichtungen zu finden. Die kostenlose Informationsbroschüre, die unter anderem alle freiberuflich tätigen Hebammen Österreichs enthält, ist unter broschuere@hebammen.at bestellbar.
Und mit der richtigen Wegbegleiterin kann dann der herausfordernde Pfad zum Elternsein, für alle persönlichen Bedürfnisse gerüstet, und auf eventuelle Hindernisse optimal vorbereitet, mit einem sicheren Gefühl beschritten werden.

Die beiden Hebammen Johanna Sengschmid und Lena Koppelent erläutern in diesem BABY ACADEMY-Vortrag die vielfältigen Aufgaben, die der Hebammenberuf umfasst. Die Leistungen reichen üblicherweise von Betreuung in der Schwangerschaft und Geburtsvorbereitung, über Begleitung bei der Geburt bis hin zur intensiven Nachbetreuung im Wochenbett:

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