Myasthenia gravis bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft

Plötzlich fehlt die Kraft zum Sprechen und Kauen. Die Arme werden schwer und Treppensteigen erscheint wie eine unüberwindbare Herausforderung. So beginnt sie oft, die Myasthenia gravis. Eine Krankheit, die deine Muskeln lahmlegt. Und das ausgerechnet bei Frauen, die mitten im Leben stehen.

Viele erhalten die Diagnose in ihren 20ern oder 30ern. Genau in der Zeit, in der viele von Familie träumen, über Babynamen nachdenken oder den ersten Schwangerschaftstest in der Hand halten. Und dann? Steht da auf einmal eine chronische Erkrankung zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Was nun? Warten? Verzicht üben? Oder den Kinderwunsch trotzdem verfolgen?

Die Medizin sagt heute: Myasthenia gravis ist kein unüberwindbares Hindernis für eine Schwangerschaft. Aber sie ist auch keine Nebensache. Wer diesen Weg gehen will, braucht Klarheit, Timing und ein Team, das weiß, was es tut.

Myasthenia gravis bei Kinderwunsch und in der Schwangerschaft

Was ist Myasthenia gravis und wie macht sie sich bemerkbar?

Myasthenia gravis ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der dein Körper die Verbindung zwischen Nerv und Muskel angreift. Normalerweise sorgen bestimmte Botenstoffe dafür, dass ein Muskel sich bewegt, wenn der Nerv „funkt“. Bei Myasthenia gravis funktioniert diese Weiterleitung nicht richtig. Dein Immunsystem blockiert die dafür nötigen Rezeptoren.

Als Folge bekommen deine Muskeln nicht genug „Startsignal“ und fühlen sich deshalb schnell kraftlos an. Typisch ist, dass die Schwäche bei Anstrengung zunimmt, sich nach einer Pause aber oft wieder bessert. Das macht die Krankheit tückisch, weil die Beschwerden nicht immer gleich stark sind.

Häufige Symptome sind:

  • hängende Augenlider
  • Doppeltsehen
  • Schwierigkeiten beim Sprechen, Kauen oder Schlucken
  • Muskelschwäche in Armen und Beinen
  • in schweren Fällen: Atemnot

Viele Betroffene bemerken die ersten Anzeichen an Kleinigkeiten, etwa, wenn sie abends undeutlicher sprechen oder das Kauen beim Abendessen schwerfällt. Die Erkrankung kann den Alltag stark einschränken, vor allem, wenn wichtige Muskelgruppen betroffen sind.

Myasthenia gravis ist zwar selten, aber nicht extrem selten: In Europa leben schätzungsweise 150 bis 200 von 1 Million Menschen mit dieser Diagnose. Besonders häufig betrifft es Frauen unter 40.

Kinderwunsch mit Myasthenia gravis: Was ist möglich?

Wenn du an Myasthenia gravis erkrankt bist und dir ein Kind wünschst, ist das grundsätzlich möglich. Die Erkrankung selbst beeinträchtigt die Fruchtbarkeit nicht. Trotzdem ist eine Schwangerschaft mit MG kein ganz gewöhnlicher Weg, denn sie sollte gut vorbereitet und medizinisch begleitet sein.
Fachleute empfehlen, mit einer Schwangerschaft möglichst zu warten, bis deine Erkrankung stabil eingestellt ist. Das heißt, ohne häufige Schübe, starke Schwankungen sowie mit einer gut funktionierenden Medikamenteneinstellung. Besonders in den ersten zwei Jahren nach der Diagnose besteht ein erhöhtes Risiko dafür, dass sich die Symptome während der Schwangerschaft verstärken. In einer Studie wurde bei rund 70 % der betroffenen Frauen eine Verschlechterung in dieser Phase festgestellt.

Wenn dein Wunsch nach einem Kind sehr groß ist, aber nicht sofort in Erfüllung geht, kann das besonders belastend sein. Hier kann es helfen, medizinisch abzuklären, ob es weitere Ursachen für einen unerfüllten Kinderwunsch gibt, unabhängig von der MG. Hier findest du hilfreiche Infos zum Thema Kinderwunsch und mögliche Gründe, warum es nicht gleich klappt.

Wichtig ist: Sprich frühzeitig mit deinem Neurologen oder deiner Neurologin, am besten im Team mit deiner Gynäkologin oder deinem Gynäkologen. Auch wenn du dich aktuell noch nicht aktiv für eine Schwangerschaft entscheidest, kann es sinnvoll sein, deine Medikation im Hinblick auf spätere Pläne anzupassen.

Zyklus, Hormone und Fruchtbarkeit im Zusammenhang mit Myasthenia gravis

Die Myasthenia gravis selbst bringt deinen Zyklus normalerweise nicht durcheinander. Dein Eisprung findet also statt, auch wenn du bereits Symptome hast oder Medikamente nimmst. Trotzdem spüren viele Frauen, dass ihre Erkrankung auf hormonelle Veränderungen reagiert.

Besonders auffällig: Etwa zwei Drittel der Betroffenen berichten, dass sich ihre Symptome rund um die Monatsblutung verschlechtern. Die Muskelkraft lässt schneller nach, das Schlucken fällt schwerer oder die Augenlider hängen häufiger. Warum das so ist, ist noch nicht vollständig erforscht. Aber klar ist, dass Östrogene und Progesteron das Immunsystem beeinflussen und das hat offenbar auch Auswirkungen auf den Verlauf der MG.

Ebenfalls unklar ist, wie stark dieser Zusammenhang bei künstlichen Hormonbehandlungen wirkt, etwa bei einer Kinderwunschtherapie oder IVF. Es gibt derzeit keine eindeutigen Daten dazu, ob eine hormonelle Stimulation die Krankheitsaktivität verändern kann. Erste Studien laufen. Wenn du eine solche Behandlung planst, solltest du dich deshalb unbedingt an ein Zentrum wenden, das Erfahrung mit MG-Patientinnen hat.

Tipp: Du möchtest deinen Zyklus besser verstehen oder deine fruchtbaren Tage gezielter bestimmen? Dann schau dir unbedingt diesen Beitrag an: Zyklus & Eisprung: So lässt er sich berechnen

Schwanger mit Myasthenia gravis: Welche Medikamente sind erlaubt?

Viele Frauen mit Myasthenia gravis nehmen dauerhaft Medikamente ein. Sobald sie einen Kinderwunsch verspüren oder schwanger sind, stellt sich die Frage: Welche Wirkstoffe darf ich weiter nehmen, und was muss dringend ersetzt werden? Zahlreiche Medikamente lassen sich bei Kinderwunsch sowie in der Schwangerschaft weiterführen. Dazu gehören Mittel wie Pyridostigmin und Neostigmin, die zur Standardtherapie gehören. Auch Azathioprin, Tacrolimus, Ciclosporin oder Immunglobuline gelten bei entsprechender ärztlicher Begleitung als vertretbar. Diese Substanzen wurden bereits in zahlreichen Schwangerschaften eingesetzt, ohne dass sich daraus ein deutlich erhöhtes Risiko für das Kind ergeben hätte.

Deutlich problematischer sind dagegen Medikamente mit stark fruchtschädigender Wirkung. Einige Wirkstoffe müssen nicht nur abgesetzt, sondern mit großem zeitlichen Abstand vor einer Schwangerschaft beendet werden. Dazu zählen:

  1. Mycophenolat: Hohe Fehlgeburtsrate (rund 45 %) und Fehlbildungen bei über 25 % der dokumentierten Fälle
  2. Methotrexat: Risiko für Spontanaborte und schwere Fehlbildungen
  3. Cyclophosphamid: Stark teratogen, erhöhtes Risiko für Frühgeburten und Wachstumsstörungen

Wichtig: Setze kein Medikament auf eigene Faust ab! Das gilt auch dann, wenn du glaubst, schwanger zu sein. Eine abrupte Therapiepause kann deine Gesundheit gefährden und im schlimmsten Fall eine myasthene Krise auslösen. Sprich deshalb frühzeitig mit deinem Neurologen oder deiner Gynäkologin, wenn du eine Schwangerschaft planst. Nur so lässt sich deine Behandlung sicher und schrittweise umstellen.

Individueller Schwangerschaftsverlauf bei der Autoimmunkrankheit

Wie sich eine Schwangerschaft mit Myasthenia gravis entwickelt, lässt sich nicht sicher vorhersagen. Jede Frau erlebt diese Zeit anders. Es kann aber auch sein, dass sich deine Symptome verschlechtern oder sogar verbessern. In einer medizinischen Auswertung mit 69 betroffenen Frauen zeigten sich sehr unterschiedliche Verläufe. Bei rund einem Drittel kam es zu einer Verschlechterung der Beschwerden, fast die Hälfte blieb stabil und etwa ein Viertel berichtete sogar von einer Besserung. Viele Frauen erleben eine Entlastung im zweiten und dritten Schwangerschaftsdrittel. Das könnte daran liegen, dass das Immunsystem in dieser Phase etwas heruntergefahren ist, um das ungeborene Kind zu schützen.

Infektionen können bei Myasthenia gravis leicht einen Schub auslösen. Wenn du während der Schwangerschaft krank wirst, solltest du das frühzeitig behandeln lassen. Manche Antibiotika gelten allerdings als problematisch, weil sie die Reizweiterleitung zwischen Nerven und Muskeln zusätzlich stören können.

Nach der Geburt sieht es oft wieder anders aus. Die ersten Monate mit Baby können körperlich und emotional herausfordernd sein. Gerade in dieser Zeit kann sich die Erkrankung bei einigen Frauen verstärken. Besonders dann, wenn du deine Medikamente während der Schwangerschaft reduziert oder abgesetzt hast, kann dein Körper mit einem Rückschlag reagieren.

Schub oder Krise in der Schwangerschaft

Kommt es während der Schwangerschaft zu einem Schub oder einer Verschlechterung der Myasthenia gravis, gibt es gut erprobte Behandlungsoptionen, die auch für das ungeborene Kind als sicher gelten. Sehr häufig wird auf intravenöse Immunglobuline (IVIG) zurückgegriffen. Sie regulieren das Immunsystem, sind plazentagängig und gelten als gut verträglich für Mutter und Kind.

Bei stärkeren Beschwerden können Plasmapherese oder Immunadsorption helfen. Dabei wird dein Blut außerhalb des Körpers gereinigt, um krankmachende Antikörper zu entfernen. Beide Verfahren sind auch in der Schwangerschaft sicher anwendbar. In einer Studie mit 24 Schwangeren und Stillenden, die eine Immunadsorption erhielten, kam es zu keinen Komplikationen beim Kind.

Wichtig: Wenn du rhesusnegativ bist und eine Anti-D-Prophylaxe erhalten hast, kann eine Plasmapherese den Wirkstoff teilweise wieder aus dem Körper spülen. In diesem Fall ist eine zusätzliche Gabe erforderlich.

Geburt und Neugeborene: Was dich erwartet

Viele Frauen mit Myasthenia gravis können ihr Kind auf natürlichem Weg zur Welt bringen. Die Erkrankung allein ist kein Grund für einen Kaiserschnitt. Im Gegenteil wird eine vaginale Geburt häufig sogar empfohlen, da Operationen unter Vollnarkose oder mit bestimmten Muskelrelaxantien das Risiko für Komplikationen erhöhen. Wichtig ist nur, dass du bei der Geburt gut begleitet wirst, am besten in einer Klinik mit Erfahrung im Umgang mit MG.

Entbindung mit Myasthenia gravis

Während der Wehen funktioniert die Muskulatur in der Regel normal. In der Austreibungsphase kann es allerdings sein, dass dir schneller die Kraft ausgeht. In solchen Fällen wird häufig unterstützend mit einer Saugglocke oder Zange gearbeitet. Auch Medikamente wie Neostigmin können gezielt eingesetzt werden, um die Muskelkraft kurzfristig zu stabilisieren. Für die Schmerztherapie bietet sich eine Periduralanästhesie (PDA) an, denn sie gilt als besonders schonend bei Myasthenia gravis.

Neonatale Myasthenie bei Neugeborenen

Nach der Geburt kann es vorkommen, dass dein Baby vorübergehend Symptome einer sogenannten neonatalen Myasthenie zeigt. Etwa 10 bis 20 Prozent der Neugeborenen sind betroffen. Dabei handelt es sich um eine harmlose, aber behandlungsbedürftige Reaktion auf die mütterlichen Antikörper, die während der Schwangerschaft über die Plazenta auf das Kind übertreten. Die Symptome treten meist innerhalb der ersten zwei Tage auf und können sich durch schlaffe Muskulatur, Trinkschwäche oder Atemprobleme bemerkbar machen. In der Regel bilden sich die Beschwerden innerhalb weniger Tage bis Wochen vollständig zurück.

Nur in sehr seltenen Fällen kommt es zu schwereren Verläufen, etwa bei einer sogenannten Arthrogryposis multiplex congenita. Dabei können angeborene Gelenksteifigkeiten und Muskelschwäche auftreten. Wenn du bereits ein Kind mit dieser seltenen Komplikation geboren hast, kann das Risiko in einer weiteren Schwangerschaft leicht erhöht sein.

Damit du und dein Baby gut versorgt seid, sollte die Entbindung in einem Perinatalzentrum oder einer Klinik mit neurologischer und neonatologischer Erfahrung stattfinden.

Stillen mit Myasthenia gravis – was möglich ist

Viele Frauen mit Myasthenia gravis stillen ihr Baby ohne Probleme. Nach aktuellem Stand geht von den meisten Medikamenten, die in der Stillzeit verwendet werden, kein relevantes Risiko für das Kind aus. Auch der Übergang von Antikörpern in die Muttermilch ist sehr gering. Die Erkrankung selbst wird durch das Stillen nicht beeinflusst. Wichtig ist, welche Medikamente du einnimmst. Substanzen wie Azathioprin, Tacrolimus, Ciclosporin und Immunglobuline gelten als unbedenklich. Mycophenolat und Methotrexat hingegen sind in der Stillzeit nicht erlaubt und sollten bei Stillwunsch vorher ersetzt werden.

Tipp: Wenn du planst zu stillen, sprich frühzeitig mit deinem neurologischen und gynäkologischen Behandlungsteam. So lässt sich deine Medikation rechtzeitig anpassen.

FAQ: Myasthenia gravis bei Kinderwunsch & in der Schwangerschaft

Darf ich mit Myasthenia gravis schwanger werden?
Ja. Eine Schwangerschaft ist möglich, sollte aber gut geplant und medizinisch begleitet werden.

Kann mein Kind auch MG bekommen?
Nein. Die Erkrankung selbst ist nicht erblich. Vorübergehende Symptome beim Neugeborenen sind möglich, aber nicht dauerhaft.

Was passiert bei einer myasthenen Krise in der Schwangerschaft?
Sie ist selten, aber ernst. In solchen Fällen helfen Immunglobuline oder Plasmapherese. Eine engmaschige Überwachung ist wichtig.

Ist eine spontane Geburt möglich?
Ja. Eine vaginale Geburt ist meist möglich und wird oft sogar bevorzugt.

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag liefert ausschließlich allgemeine Informationen und ersetzt keinesfalls den fachkundigen Rat eines Arztes, einer Hebamme oder anderen dafür qualifizierten Experten (Stillberaterinnen, Therapeuten etc.)

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