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Stocker sorgt mit Aussage über Kinderbetreuung für heftige Kritik
Wie viel sind die tägliche Betreuung und Erziehung von Kindern eigentlich wert? Eine Aussage von Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) hat diese Diskussion nun neu entfacht. Auf seiner Sommertour erklärte er, Kinderbetreuung sei für ihn keine Arbeit. Darauf folgte heftige Kritik.
Stocker: „Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen“
Auslöser der Debatte war eine Veranstaltung bei einem Stopp von Stockers Sommertour in Salzburg. Eine Teilnehmerin nutzte die Gelegenheit, um auf die Situation vieler Mütter aufmerksam zu machen. Sie sprach über die hohe Belastung durch unbezahlte Kinderbetreuung und darüber, welche Bedeutung diese Leistung für Gesellschaft und Wirtschaft hat.
Stockers Antwort sorgte unmittelbar für Unmut: „Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen.“ Im Publikum stieß diese Aussage auf deutlichen Widerspruch. Auch außerhalb der Veranstaltung folgten zahlreiche kritische Reaktionen. Vertreter von SPÖ, FPÖ, Grünen und ÖGB warfen Stocker unter anderem vor, die Leistungen und die Lebensrealität vieler Mütter nicht ausreichend anzuerkennen.
Nach heftiger Kritik entschuldigt sich Stocker
Die Kritik an Stockers Äußerungen folgte prompt. Noch am selben Tag räumte der Bundeskanzler öffentlich ein, mit seiner Aussage falsch gelegen zu haben, und entschuldigte sich bei allen, die sich dadurch nicht wertgeschätzt oder verletzt fühlten. Gleichzeitig korrigierte er seine ursprüngliche Aussage deutlich: „Kinderbetreuung ist Arbeit.“ Auch dass Frauen nach wie vor einen besonders großen Teil der Kindererziehung übernehmen, erkannte Stocker ausdrücklich an.
An seiner grundsätzlichen Botschaft hielt der Kanzler jedoch fest. Er habe sich dagegen aussprechen wollen, den Wert von Familie und Kindern finanziell zu bemessen. Mit der Formulierung, „Familie ist nun mal kein Business Case“, versuchte Stocker zu verdeutlichen, worauf seine ursprüngliche Aussage abgezielt habe. Betreuung und Erziehung seien für ihn zwar mit viel Arbeit verbunden, ihr Wert gehe jedoch über eine finanzielle Betrachtung hinaus.
Faktencheck: Wie viel Arbeit steckt tatsächlich hinter Kinderbetreuung?
Wie zeitintensiv Kinderbetreuung tatsächlich ist, hat das Österreichische Institut für Familienforschung (ÖIF) an der Universität Wien anhand der österreichischen Zeitverwendungserhebung 2021/22 untersucht. Dafür wurde ausgewertet, wie Menschen ihren Alltag verbringen und wie viel Zeit dabei auf verschiedene Formen der Care-Arbeit entfällt.
Besonders hoch ist der Aufwand bei Familien mit kleinen Kindern. Frauen, deren jüngstes Kind unter sechs Jahre alt ist, leisten täglich gut 9,5 Stunden direkte Care-Arbeit. Bei Männern sind es rund sechs Stunden. Mit zunehmendem Alter der Kinder sinkt der Zeitaufwand, der Unterschied zwischen den Geschlechtern bleibt jedoch bestehen. Ist das jüngste Kind zwischen sechs und 14 Jahre alt, kommen Frauen auf etwa sechs Stunden und Männer auf knapp vier Stunden pro Tag.
Das ÖIF fasst direkte Care-Arbeit dabei bewusst weiter als klassische Tätigkeiten wie Füttern, Wickeln oder die Begleitung zu Terminen. Auch Zeit, die Eltern beispielsweise beim Spielen, Sport, Spazierengehen oder anderen gemeinsamen Aktivitäten mit ihren Kindern verbringen, fließt in die Berechnung ein. Dadurch soll der tatsächliche Betreuungsaufwand innerhalb einer Familie besser abgebildet werden.
Care-Arbeit hängt in Österreich weiterhin vor allem an Frauen
Die ÖIF-Auswertung zeigt nicht nur, wie viel Zeit Eltern für Care-Arbeit aufbringen, sondern auch deutliche Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Werden Erwerbsarbeit sowie direkte und unterstützende Care-Arbeit zusammengerechnet, kommen Frauen und Männer in Paarhaushalten mit Kindern auf durchschnittlich jeweils rund zwölf Stunden produktive Tätigkeiten pro Tag. Der Unterschied liegt in der Verteilung. Frauen verbringen mehr Zeit mit Care-Arbeit, Männer mehr Zeit mit Erwerbsarbeit.
Hinzu kommt Arbeit, die sich kaum in Stunden erfassen lässt. Dieser sogenannte Mental Load umfasst all die Aufgaben, die im Familienalltag ständig im Kopf behalten, geplant und koordiniert werden müssen. Wie umfangreich das sein kann, zeigen auch die Beiträge einer Diskussion im BabyForum.
Diese Aufgaben zählen zum Mental Load
- Arzttermine vereinbaren und im Blick behalten
- Kleidung für die Kinder organisieren
- Kindergarten- und Schultermine koordinieren
- Einkäufe und Mahlzeiten planen
- Freizeitaktivitäten und Kurse organisieren
- Geschenke und Geburtstage im Blick behalten
- Ausflüge und Urlaube vorbereiten
Auch diese unsichtbare Denkarbeit scheint in vielen Familien hauptsächlich bei den Müttern zu liegen. Eine Nutzerin schätzt den Mental Load in ihrer Familie beispielsweise auf 90 Prozent bei ihr und 10 Prozent bei ihrem Partner. Eine andere berichtet, dass sie sich um alles kümmere, was ihr Kind betrifft. Gleichzeitig zeigen die Diskussionsbeiträge, dass es auch Familien gibt, in denen die organisatorische Verantwortung ausgeglichener verteilt ist.
Unbezahlte Care-Arbeit hat finanzielle Folgen
Dass Frauen mehr unbezahlte Care-Arbeit übernehmen, bedeutet nicht, dass sie insgesamt weniger arbeiten. Eine Analyse des Momentum Instituts auf Basis von Daten der Statistik Austria zeigt sogar das Gegenteil. Werden bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengerechnet, arbeiten Frauen in Österreich durchschnittlich rund 1,5 Stunden pro Woche mehr als Männer. Sie leisten etwa 51 Prozent der gesamten Arbeitszeit, erhalten jedoch nur 36 Prozent des Erwerbseinkommens.
Langfristig wirkt sich diese Verteilung auch auf die Pension aus. Nach Angaben der Arbeiterkammer übernehmen Frauen in Österreich rund zwei Drittel der unbezahlten Sorgearbeit. Dadurch unterbrechen oder reduzieren sie ihre Erwerbstätigkeit häufiger. Weniger Erwerbsarbeit bedeutet jedoch meist ein geringeres Einkommen und niedrigere Einzahlungen auf das Pensionskonto.
Wie groß die Unterschiede sind, zeigt der Gender Pension Gap. Frauen erhalten in Österreich 2026 durchschnittlich 39,4 Prozent weniger Pension als Männer. Besonders groß ist die Lücke beispielsweise in Oberösterreich. Dort beziehen Männer im Durchschnitt 2.779 Euro Alterspension pro Monat, Frauen dagegen 1.534 Euro. Bei 14 Bezügen ergibt sich eine Differenz von rund 17.430 Euro pro Jahr.
Die Arbeiterkammer fordert deshalb unter anderem einen flächendeckenden Ausbau der Kinderbetreuung und eine stärkere Berücksichtigung von Kindererziehungs- und Pflegezeiten im Pensionssystem. Denn auch wenn Care-Arbeit überwiegend unbezahlt bleibt, sind ihre finanziellen Folgen oft bis ans Lebensende spürbar.
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