Österreichs Hebammen fordern mehr Wahlfreiheit in der Schwangerenvorsorge

Seit einigen Monaten machte das Österreichische Hebammengremium auf einen Missstand in der Schwangerenvorsorge aufmerksam. Anders als in vielen anderen europäischen Ländern haben Schwangere in Österreich derzeit kaum die Möglichkeit, ihre Vorsorge gemeinsam mit einer Hebamme zu gestalten. Das Gremium fordert deshalb eine stärkere Einbindung von Hebammen, um Frauen mehr Wahlfreiheit zu ermöglichen und gleichzeitig das Gesundheitssystem zu entlasten.

Österreichs Hebammen fordern mehr Wahlfreiheit in der Schwangerenvorsorge

Hebammen dürfen Vorsorge leisten, werden aber kaum eingebunden

Hebammen sind Expert*innen für die Betreuung normal verlaufender Schwangerschaften und dürfen Schwangere eigenverantwortlich begleiten.

In der Praxis spielt ihre Rolle in der Vorsorge jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Denn im Eltern-Kind-Pass müssen derzeit alle fünf verpflichtenden Vorsorgeuntersuchungen von Fachärzten für Gynäkologie und Geburtshilfe durchgeführt werden, damit der Anspruch auf das Kinderbetreuungsgeld bestehen bleibt. Lediglich zwischen der 18. und 22. Schwangerschaftswoche ist eine freiwillige Hebammenberatung vorgesehen.

Nach Ansicht des Österreichischen Hebammengremiums schöpft dieses System die Kompetenzen der Hebammen nicht aus. In vielen europäischen Ländern übernehmen Hebammen bei unkomplizierten Schwangerschaften einen deutlich größeren Teil der Vorsorge und werden enger in die Betreuung eingebunden. Dadurch sollen Schwangere mehr Wahlfreiheit erhalten und das Gesundheitssystem entlastet werden.

„Hebammen sind Expert*innen für Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Wenn wir ihre Kompetenzen stärker in der Vorsorge nutzen, profitieren Frauen, Familien und das Gesundheitssystem gleichermaßen“, so Lisa Rakos, Präsidentin des Österreichischen Hebammengremiums.

Frühe Hebammenberatung könnte Familien besser unterstützen

Eine frühzeitige Hebammenberatung kann weit mehr leisten als die Begleitung einer unkomplizierten Schwangerschaft. Durch den regelmäßigen Kontakt erkennen Hebammen oft früh, ob werdende Mütter oder Familien eine bestimmte Unterstützung benötigen.

Das kann unter anderem der Fall sein bei psychosozialen und psychischen Belastungen, Einsamkeit und Zukunftsängste sowie finanziellen Sorgen. Auch Sprachbarrieren werden offensichtlich und sogar Gewalterfahrungen können unter Umständen aufgedeckt werden.

Nach Angaben des Österreichischen Hebammengremiums wird vielen Betroffenen so rechtzeitig ein passendes Hilfsangebot vermittelt. Eine qualifizierte Hebamme findest du unter anderem über die Hebammensuche des Österreichischen Hebammengremiums.

Studien sprechen für eine stärkere Einbindung von Hebammen

Nicht nur das Österreichische Hebammengremium sieht Vorteile in einer stärkeren Einbindung von Hebammen. Auch mehrere wissenschaftliche Untersuchungen und internationale Organisationen kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

Positiver Einfluss der Hebammen-Betreuung erforscht

  • Cochrane-Review (2024)1: Die Auswertung von 17 randomisierten Studien mit insgesamt 18.533 Frauen zeigt, dass eine kontinuierliche Betreuung durch dieselbe Hebamme oder ein festes Hebammenteam häufiger zu spontanen vaginalen Geburten führt. Gleichzeitig waren Kaiserschnitte und instrumentelle Geburten seltener. Zudem berichteten die Frauen von positiveren Erfahrungen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett.
  • Studie von Sandall et al. (2016)2: Bereits eine frühere Cochrane-Auswertung kam zu dem Ergebnis, dass Frauen unter Hebammenbetreuung seltener einen Dammschnitt oder eine Periduralanästhesie benötigten und häufiger von einer ihnen bekannten Hebamme bei der Geburt begleitet wurden.
  • The Medical Journal of Australia (2016)3: Ein Übersichtsartikel fasst zusammen, dass Modelle mit kontinuierlicher Hebammenbetreuung sowohl für Mütter als auch für Babys Vorteile bieten, ohne die Sicherheit zu beeinträchtigen. Gleichzeitig können Gesundheitskosten gesenkt werden.
  • WHO4: Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt in ihren 2025 veröffentlichen Guidelines Modelle mit kontinuierlicher Hebammenbetreuung in Gesundheitssystemen mit entsprechend ausgebildeten Hebammen. Sie sieht darin einen wichtigen Beitrag zu einer sicheren, individuellen und qualitativ hochwertigen Versorgung von Schwangeren.

Frühzeitig um eine Hebamme kümmern

Die Diskussion um eine stärkere Einbindung von Hebammen dürfte Österreich noch länger beschäftigen. Gerade wird diese auch wieder im Zusammenhang mit der Einführung des elektronischen Eltern-Kind-Passes diskutiert. Fest steht jedoch, dass Hebammen Frauen weit über die Geburt hinaus begleiten und werdende Familien in vielen Situationen unterstützen.

Wenn du dich für eine Begleitung durch eine Hebamme in der Schwangerschaft, bei der Geburt und im Wochenbett interessierst, solltest du nicht zu lange warten. Gerade Kassen- und Wahlhebammen sind in vielen Regionen Österreichs früh ausgebucht. Deshalb empfiehlt es sich, bereits im ersten Trimester mit der Suche zu beginnen. Du kannst dich sowohl im Internet nach Hebammen in deiner Region umsehen oder dich im Freundes- und Bekanntenkreis austauschen. So findest du bestimmt rechtzeitig eine passende Unterstützung für dich und dein Baby.

 

1 Sandall J, Fernandez Turienzo C, Devane D, et al. Midwife continuity of care models versus other models of care for childbearing women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2024, Issue 4. Art. No.: CD004667. https://www.cochrane.org/evidence/CD004667_are-midwife-continuity-care-models-versus-other-models-care-better-women-and-their-babies
2 Sandall J, Soltani H, Gates S, Shennan A, Devane D. Midwife-led continuity models versus other models of care for childbearing women. Cochrane Database of Systematic Reviews 2016, Issue 4. Art. No.: CD004667. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27121907/ Homer CSE. Models of maternity care: evidence for midwifery continuity of care.
3 Medical Journal of Australia 2016; 205(8): 370–374. https://www.mja.com.au/journal/2016/205/8/models-maternity-care-evidence-midwifery-continuity-care
4 World Health Organization. New WHO guidance on midwifery models of care, June 2025. https://iris.who.int/handle/10665/381641 (Pressemitteilung dazu: https://www.who.int/news/item/18-06-2025-who-calls-for-global-expansion-of-midwifery-models-of-care)

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