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Muttertät & Matreszenz: Was beim Mutterwerden mit dir passiert
Eigentlich wollte sie dieselbe bleiben. Spontan, unabhängig, entspannt. Doch wenige Wochen nach der Geburt ihres ersten Kindes saß der Kloß plötzlich dauerhaft im Hals. So beschreibt die Schweizer Redakteurin und 3-fach-Mama Michaela Davison ihre ersten Wochen als Mutter.
Viele Frauen erleben genau dieses Gefühl. Das Baby ist da, aber gleichzeitig fühlt sich plötzlich das eigene Leben fremd an. Für diesen tiefgreifenden Veränderungsprozess gibt es heute einen Begriff: Muttertät oder Matreszenz.
Bedeutung: Was ist Muttertät/Matreszenz überhaupt?
Der Begriff „Matrescence“ wurde bereits in den 1970er-Jahren von der Anthropologin Dana Raphael geprägt. Sie beschrieb damit den tiefgreifenden Prozess des Mutterwerdens und verglich ihn bewusst mit der „Adolescence“, also der Pubertät. Im Deutschen wird dafür heute häufig der Begriff „Muttertät“ verwendet.
Gemeint ist damit weit mehr als nur die Geburt eines Kindes. Es geht um den Identitätswandel beim Mutter werden. Dabei durchläuft die Frau eine enorme Veränderung. Psychiater und Autor Daniel Stern bezeichnete diesen Prozess deshalb als „die Geburt einer Mutter“. Mutterwerden gilt heute zunehmend als eigene Entwicklungsphase im Leben einer Frau und nicht einfach als ein Moment, in dem plötzlich alles intuitiv funktioniert. In dieser Phase passieren tiefgreifende Veränderungen, die den Körper, die Emotionen, Beziehungen, Identität und sogar das Gehirn betreffen.
Typische Symptome der Matrescence
- körperliche und hormonelle Veränderungen
- emotionale Achterbahnfahrten
- neurologische Veränderungen im Gehirn
- neue soziale Rollen
- veränderte Prioritäten
- das Gefühl, sich selbst neu kennenzulernen
Der Prozess beginnt dabei oft nicht erst mit der Geburt. Schon Kinderwunsch, Schwangerschaft oder die ersten Gedanken an das Mutterwerden können vieles verändern. Gleichzeitig endet Muttertät nicht automatisch nach dem Wochenbett. Viele Frauen erleben diese Phase über Monate oder sogar Jahre hinweg.
Mutterschaft: Warum viele Frauen plötzlich das Gefühl haben, sich selbst zu verlieren
Viele Frauen erleben das Mutterwerden völlig anders, als sie es sich vorher vorgestellt haben. Neben Liebe und Glück tauchen plötzlich Gefühle auf, über die kaum jemand spricht: Überforderung, Unsicherheit, Erschöpfung oder sogar Traurigkeit. Manche Mütter fragen sich heimlich, warum sie sich trotz Wunschbaby nicht dauerhaft glücklich fühlen.
Genau diese Ambivalenz gehört für viele Frauen zur Muttertät dazu. Denn während ein neuer Mensch geboren wird, verändert sich gleichzeitig auch das eigene Leben komplett. Der Alltag dreht sich plötzlich fast nur noch um das Baby. Freiheiten verschwinden, Schlaf wird zur Ausnahme und selbst einfache Dinge wie Duschen oder Einkaufen müssen oft organisiert werden. Viele Frauen haben dabei das Gefühl, sich selbst ein Stück weit zu verlieren.
Hinzu kommen hohe gesellschaftliche Erwartungen. Noch immer hält sich hartnäckig das Bild der intuitiven, liebevollen Mutter, die automatisch weiß, was ihr Baby braucht und gleichzeitig entspannt, organisiert und glücklich bleibt. Funktioniert das nicht sofort, entsteht schnell der Eindruck: Mit mir stimmt etwas nicht.
Gerade soziale Medien verstärken diesen Druck zusätzlich. Dort wirken viele Mütter kurz nach der Geburt organisiert, fit und emotional ausgeglichen. Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Tatsächlich ist auch der sogenannte „Mutterinstinkt“ wissenschaftlich längst umstritten. Vieles, was im Umgang mit einem Baby später selbstverständlich wirkt, entsteht erst durch Erfahrung, Nähe und Lernen im Alltag.
Wichtig: Nicht jede Überforderung oder emotionale Achterbahnfahrt nach der Geburt ist automatisch eine Wochenbettdepression. Muttertät beschreibt zunächst einen natürlichen, wenn auch oft herausfordernden Entwicklungsprozess. Halten starke psychische Belastungen jedoch länger an oder verschlimmern sich, solltest du dir professionelle Unterstützung holen.
Matrescence: Mutterwerden verändert tatsächlich das Gehirn
Viele Mütter kennen diese Momente: Du gehst in die Küche und hast plötzlich vergessen, warum du eigentlich dort hingegangen bist. Oder du verlierst mitten im Satz den Faden. Umgangssprachlich werden dafür oft die Begriffe „Mom Brain“ oder „Stilldemenz“ verwendet. Lange Zeit wurden solche Veränderungen belächelt oder als reine Überforderung abgetan. Heute beschäftigt sich die Wissenschaft jedoch intensiv mit den neurologischen Veränderungen rund um Schwangerschaft und Mutterschaft.
Besonders bekannt wurde die Studie „Pregnancy leads to long-lasting changes in human brain structure“ der Neurowissenschaftlerin Elseline Hoekzema und ihrem Team aus dem Jahr 2016. Die Forschenden untersuchten Frauen vor und nach ihrer ersten Schwangerschaft sowie Kontrollgruppen ohne Kinder. Dabei zeigten sich deutliche strukturelle Veränderungen im Gehirn der Mütter. Besonders betroffen waren Bereiche der sogenannten grauen Substanz, die mit sozialer Wahrnehmung, Empathie und Bindung zusammenhängen.
Interessant war außerdem, dass sich die Veränderungen besonders in Hirnregionen zeigten, die nach der Geburt stark auf das eigene Baby reagieren. Die Forschenden vermuten deshalb, dass es sich um einen biologischen Anpassungsprozess handelt, der Frauen beim Übergang zur Mutterschaft unterstützt. Die Veränderungen waren teilweise sogar noch zwei Jahre nach der Schwangerschaft nachweisbar.
Mögliche Auswirkungen der neurologischen Veränderungen durch die Muttertät
- stärkere emotionale Sensibilität
- erhöhte Aufmerksamkeit für das eigene Baby
- Konzentrationsprobleme und Vergesslichkeit
- schnellere Reizüberflutung
- stärkere emotionale Reaktionen
- ein dauerhafter Fokus auf die Bedürfnisse des Kindes
Auch aktuelle Forschungen rund um das Konzept der Matrescence beschreiben das Mutterwerden heute als tiefgreifende neurologische und psychologische Entwicklungsphase. Gleichzeitig treffen diese Veränderungen häufig auf Schlafmangel, hormonelle Umstellungen, Daueranspannung und Mental Load im Alltag mit Baby.
Muttertät verändert Beziehungen, Alltag und Selbstbild
Vielleicht kennst du das Gefühl: Du sitzt mit Freunden zusammen und merkst plötzlich, dass du dich irgendwie verändert hast. Gespräche drehen sich inzwischen um Schlafrhythmen, Stillen oder Kinderarzttermine statt um spontane Reisen oder lange Abende unterwegs. Gleichzeitig fühlt sich dein früheres Leben manchmal erstaunlich weit weg an.
„Warum hat uns das niemand vorher gesagt?“ Diese Frage zieht sich laut Autorin Jana Heinicke ("Aus dem Bauch heraus: Wir müssen über Mutterschaft sprechen") wie ein roter Faden durch viele Erfahrungen junger Mütter.
Mit der Geburt eines Kindes verändert sich oft nicht nur der Alltag, sondern auch das eigene Selbstbild. Viele Frauen erleben zum ersten Mal, dass sie gleichzeitig mehrere Rollen erfüllen müssen: Mutter, Partnerin, Freundin, Tochter und oft zusätzlich noch Arbeitnehmerin. Dadurch verschieben sich Prioritäten und Beziehungen verändern sich automatisch mit.
Besonders in Partnerschaften wird diese neue Dynamik häufig spürbar. Schlafmangel, Erschöpfung und die Verantwortung für ein Baby bringen viele Paare an ihre Grenzen. Themen wie Care-Arbeit, Mental Load oder fehlende Unterstützung sorgen nicht selten erstmals für große Konflikte.
Auch Freundschaften verändern sich oft. Spontane Treffen werden schwieriger, Interessen verschieben sich und manche Frauen fühlen sich plötzlich isolierter als früher. Gleichzeitig entstehen häufig neue Verbindungen zu anderen Müttern, die ähnliche Erfahrungen machen.
Hinzu kommt ein verändertes Verhältnis zum eigenen Körper. Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett hinterlassen Spuren, körperlich und emotional. Viele Frauen müssen ihren Körper erst wieder neu kennenlernen. Gleichzeitig entsteht gesellschaftlich oft der Druck, möglichst schnell wieder „wie vorher“ auszusehen. Besonders soziale Medien verstärken dieses Gefühl häufig zusätzlich.
Thea Maillard weist auf ihrem Instagram-Kanal geburtsgeschichten_podcast darauf hin, dass Elternwerden nicht nur Mütter verändert. Deshalb wird inzwischen zunehmend auch über sogenannte „Patreszenz“ gesprochen, also die emotionale und soziale Veränderung von Vätern oder zweiten Elternteilen.
Warum Wissen über Muttertät entlastend sein kann
Viele Frauen erleben nach der Geburt zum ersten Mal das Gefühl, dass sie emotional, körperlich und mentalvöllig aus dem Gleichgewicht geraten sind. Umso entlastender kann es sein, zu verstehen, dass hinter diesen Veränderungen ein echter Entwicklungsprozess steckt und nicht persönliches Versagen.
Genau hier setzt das Konzept der Muttertät an. Es beschreibt den Übergang zur Mutterschaft nicht als Zustand, in dem plötzlich alles intuitiv funktioniert, sondern als Phase großer Veränderungen, die Zeit braucht. Für viele Frauen ist allein dieses Wissen bereits hilfreich. Denn plötzlich bekommen Gefühle und Erfahrungen einen Namen.
Statt dich ständig zu fragen: „Warum schaffe ich das nicht besser?“ oder „Warum fühle ich mich nicht einfach glücklich?“ entsteht oft ein neuer Blick auf die Situation: „Ich bin mitten in einer riesigen Veränderung.“
Hanna Meyer und Prof. Dr. Svenja Krämer, zwei deutsche Muttertät-Expertinnen, sprechen in diesem Zusammenhang bewusst von: „Orientierung statt Optimierung“. Denn gerade soziale Medien vermitteln häufig den Eindruck, Mutterschaft müsse möglichst perfekt, organisiert und entspannt aussehen. Das Konzept der Muttertät setzt dem bewusst etwas anderes entgegen: Verständnis, Selbstmitgefühl und realistische Erwartungen.
Viele Expert*innen sehen darin deshalb auch eine wichtige Enttabuisierung. Denn je offener über die emotionalen, neurologischen und sozialen Veränderungen des Mutterwerdens gesprochen wird, desto weniger Frauen haben das Gefühl, mit ihren Gedanken oder Gefühlen allein zu sein.
Was dir in dieser Phase wirklich hilft
Muttertät lässt sich nicht „wegoptimieren“. Umso wichtiger ist es, dir selbst Zeit für diese Veränderung zu geben und den Druck etwas herauszunehmen.
Das hilft dir in der Matrescence
- Unterstützung annehmen
- Schlaf und Erholung priorisieren
- ehrliche Gespräche mit anderen Müttern
- weniger Perfektionsdruck
- kleine Pausen im Alltag
- Verständnis statt Selbstkritik
- den Partner aktiv einbeziehen
- akzeptieren, dass nicht alles sofort funktionieren muss
Gerade das Wochenbett wird heute oft unterschätzt. Viele Frauen stehen schon kurz nach der Geburt wieder unter Druck, leistungsfähig, organisiert und belastbar zu sein. Dabei braucht sowohl der Körper als auch die Psyche Zeit, um sich an die neue Situation anzupassen.
Fazit: Sei geduldig mit dir selbst
Die Psychiaterin Alexandra Sacks beschreibt in ihrem viel beachteten New-York-Times-Artikel „The Birth of a Mother“, dass Mutterschaft oft gleichzeitig Glück, Überforderung, Schuldgefühle, Angst und Ambivalenz auslösen kann. Genau diese widersprüchlichen Gefühle seien häufig normal und kein Zeichen dafür, dass mit einer Mutter „etwas falsch“ ist.
Eine Mutter wird nicht an einem Tag geboren. Der Übergang zur Mutterschaft ist kein Schalter, den du einfach umlegen kannst, sondern ein körperlicher, emotionaler und oft tiefgreifender Entwicklungsprozess. Dabei braucht es vor allem mehr ehrliche Gespräche, mehr Verständnis und weniger Druck, sofort perfekt funktionieren zu müssen.
FAQ: Muttertät und Matreszenz
Muttertät beschreibt den tiefgreifenden Veränderungsprozess, den viele Frauen rund um Schwangerschaft, Geburt und die erste Zeit als Mutter erleben. Dazu gehören körperliche, emotionale, neurologische und soziale Veränderungen.
Das ist individuell unterschiedlich. Viele Expertinnen gehen davon aus, dass die intensive Phase mehrere Monate bis Jahre dauern kann. Manche Veränderungen beginnen bereits beim Kinderwunsch oder in der Schwangerschaft.
Ähnlich wie in der Pubertät verändern sich während der Muttertät Hormone, Gehirn, Körper, Beziehungen und das eigene Selbstbild gleichzeitig. Viele Frauen erleben deshalb eine Phase der Neuorientierung.
Ja. Viele Mütter erleben neben Glück auch Unsicherheit, Erschöpfung, Schuldgefühle oder Überforderung. Expert*innen betonen, dass diese widersprüchlichen Gefühle Teil des Mutterwerdens sind.
Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag liefert ausschließlich allgemeine Informationen und ersetzt keinesfalls den fachkundigen Rat eines Arztes, einer Hebamme oder anderen dafür qualifizierten Experten (Stillberaterinnen, Therapeuten etc.)
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